30.11.2011 / Inland / Seite 8

junge Welt

»Da wundert es nicht, wenn genau das Gegenteil eintritt«

Daß sich im Osten Nazis breitmachen, liegt auch an der »Delegitimierung« der DDR und ihres Antifaschismus, Gespräch mit Dieter Skiba

Peter Wolter

Dieter Skiba war Oberstleutnant im Ministerium für Staatssicherheit. Er war dort für die Fahndung nach Nazi- und Kriegsverbrechern zuständig

Welt online berichtete gestern über eine Untersuchung, nach der die DDR-Staatssicherheit bedenkenlos NS-Verbrecher als Mitarbeiter eingesetzt haben soll. Sie waren im Geheimdienst für die Fahndung nach Naziverbrechern zuständig - wie stehen Sie zu diesem Vorwurf?

Dieser Vorwurf ist nicht neu, er wird vor allem von Henry Leide erhoben, einem Historiker der »Stasi-Unterlagenbehörde«. Auf ihn beruft sich auch Welt online. In seinem vor vier Jahren erschienenen Buch »NS-Verbrecher und Staatssicherheit« hatte er schon versucht, seine These mit Beispielen zu belegen. Wie haarsträubend er bei dieser angeblich wissenschaftlichen Arbeit vorgegangen ist, ist in einer von mir mitverfaßten Broschüre, dem »Anti-Leide« (s.u.), nachgewiesen.

Sind denn Naziverbrecher eingesetzt worden?

Zunächst einmal sollte man unterscheiden zwischen »einfachen« Nazis und Naziverbrechern. Man darf nicht den ehemaligen Hitlerjungen, der 1944 in die NSDAP überwiesen wurde, mit einem Massenmörder der Gestapo oder den Einsatzgruppen gleichsetzen. Das ist aber genau die Masche, mit der Leute wie Leide versuchen, die DDR zu diskreditieren.

Mit Verbrechern haben wir nicht zusammengearbeitet, mit solchen Leuten wollten wir nichts zu tun haben. Sie wurden vor Gericht gestellt. Dennoch wird immer wieder der genannte Vorwurf gegen uns erhoben - allerdings ohne daß jemals ein schlüssiger Beweis geliefert wurde.

Nehmen wir ein Beispiel, das auch Welt online bringt: Der DDR-Geheimdienst soll seine Hand über die Jenaer Ärztin Rosemarie Albrecht gehalten haben, die während der Nazizeit behinderte Kinder ermordet haben soll. Dazu lagen unseren Behörden aber keine Beweise vor, somit konnte auch - was in einem Rechtsstaat wie der DDR selbstverständlich war - keine Anklage erhoben werden. Nach deren Ende wurde die Sache schließlich von der nun bundesdeutschen Justiz aufgegriffen. Frau Albrecht wurde vor der 1. Strafkammer des Landgerichts Gera zunächst angeklagt, das Verfahren wurde aber schon vor Eröffnung der Hauptverhandlung eingestellt. Es fehlten einfach die Beweise.

 

Vor dem Hintergrund der Zwickauer Terrorzelle weist die Mainstream-Presse gerne darauf hin, daß dieser Rechtsextremismus seine Wurzeln in der DDR habe. Gab es dort wirklich eine Rechtstendenz unter Jugendlichen?

 

Bestätigen kann ich das so nicht, ich will es aber auch nicht in Abrede stellen. Die DDR war ja keine »Insel der Glückseligen« - gesellschaftliche Tendenzen im Westen schwappten auch zu uns rüber. Es gab Fußballrandale, auch Skinheads - aber im Gegensatz zur BRD haben wir derartige Entwicklungen weder geduldet noch gar finanziert, um sie am Leben zu halten. Es ist natürlich klar, daß es in den Anfangsjahren der DDR weitaus mehr Rechtsextreme gab als später - wir konnten uns bei der Staatsgründung ja nicht einfach ein anderes Volk suchen.

 

Auf dem Gebiet der früheren DDR sollte der Antifaschismus doch eigentlich tief verankert sein - wie erklären Sie sich, daß dort in manchen Landstrichen Nazis den Ton angeben?

 

Diese Nazis sind vor allem junge Leute zwischen 20 und 25 Jahren - die sind ja kaum noch in der DDR aufgewachsen, konnten also von ihr auch nicht sozialisiert worden sein. Daß es jetzt so viele davon gibt, ist auch ein Ergebnis der Strategie, die DDR zu delegitimieren. Da ihr Antifaschismus gleich mit in den Schmutz gezogen wird, braucht man sich nicht zu wundern, wenn das Gegenteil eintritt und sich faschistische Ideologie breitmacht. Aber das war wahrscheinlich politisch auch so gewollt.

 

»Henry Leides Umwälzung der Geschichte der DDR«, Autoren Hans Herbert Nehmer, Horst Busse und Dieter Skiba. Herausgegeben von der »Gesellschaft für rechtliche und humanitäre Unterstützung e.V (GRH). Berlin, Mehringplatz 1, www.grh-ev.org