junge Welt
»Da wundert es nicht,
wenn genau das Gegenteil eintritt«
Daß sich im Osten Nazis breitmachen, liegt
auch an der »Delegitimierung« der DDR und ihres Antifaschismus,
Gespräch mit Dieter
Skiba
Peter Wolter
Dieter Skiba war
Oberstleutnant im Ministerium für Staatssicherheit.
Er war dort für die Fahndung nach
Nazi- und Kriegsverbrechern zuständig
Welt online berichtete gestern über eine Untersuchung, nach der die
DDR-Staatssicherheit bedenkenlos NS-Verbrecher als Mitarbeiter eingesetzt haben
soll. Sie waren im Geheimdienst für die Fahndung nach Naziverbrechern zuständig - wie stehen Sie zu diesem
Vorwurf?
Dieser
Vorwurf ist nicht neu, er wird vor allem von Henry Leide erhoben, einem
Historiker der »Stasi-Unterlagenbehörde«. Auf ihn beruft sich auch Welt online. In
seinem vor vier Jahren erschienenen Buch »NS-Verbrecher und Staatssicherheit« hatte er schon versucht, seine These mit
Beispielen zu belegen. Wie haarsträubend er bei dieser angeblich wissenschaftlichen
Arbeit vorgegangen ist, ist in einer von mir mitverfaßten Broschüre, dem »Anti-Leide« (s.u.),
nachgewiesen.
Sind denn
Naziverbrecher eingesetzt worden?
Zunächst einmal sollte man unterscheiden
zwischen »einfachen« Nazis und Naziverbrechern. Man darf nicht
den ehemaligen Hitlerjungen, der 1944 in die NSDAP überwiesen wurde, mit einem Massenmörder der Gestapo oder den Einsatzgruppen gleichsetzen.
Das ist aber genau die Masche, mit der Leute wie Leide versuchen, die DDR zu
diskreditieren.
Mit
Verbrechern haben wir nicht zusammengearbeitet, mit solchen Leuten wollten wir
nichts zu tun haben. Sie wurden vor Gericht gestellt. Dennoch wird immer wieder
der genannte Vorwurf gegen uns erhoben - allerdings ohne daß jemals ein schlüssiger Beweis geliefert wurde.
Nehmen wir ein
Beispiel, das auch Welt online bringt: Der DDR-Geheimdienst soll seine Hand über die Jenaer Ärztin
Rosemarie Albrecht gehalten haben, die während
der Nazizeit behinderte Kinder ermordet haben soll. Dazu lagen unseren Behörden aber keine Beweise vor, somit konnte auch - was in
einem Rechtsstaat wie der DDR selbstverständlich war - keine Anklage erhoben
werden. Nach deren Ende wurde die Sache schließlich von der nun bundesdeutschen
Justiz aufgegriffen. Frau Albrecht wurde vor der 1. Strafkammer des Landgerichts
Gera zunächst angeklagt, das Verfahren wurde aber schon vor Eröffnung der Hauptverhandlung
eingestellt. Es fehlten einfach die Beweise.
Vor dem Hintergrund der Zwickauer
Terrorzelle weist die Mainstream-Presse gerne darauf
hin, daß dieser Rechtsextremismus seine Wurzeln in
der DDR habe. Gab es dort wirklich eine Rechtstendenz unter Jugendlichen?
Bestätigen kann ich das so nicht, ich
will es aber auch nicht in Abrede stellen. Die DDR war ja keine »Insel der Glückseligen«
- gesellschaftliche Tendenzen im Westen schwappten auch zu uns rüber. Es gab Fußballrandale,
auch Skinheads - aber im Gegensatz zur BRD haben wir derartige Entwicklungen
weder geduldet noch gar finanziert, um sie am Leben zu halten. Es ist natürlich
klar, daß es in den Anfangsjahren der DDR weitaus
mehr Rechtsextreme gab als später - wir konnten uns bei der Staatsgründung ja
nicht einfach ein anderes Volk suchen.
Auf dem Gebiet der früheren DDR
sollte der Antifaschismus doch eigentlich tief verankert sein - wie erklären
Sie sich, daß dort in manchen Landstrichen Nazis den Ton
angeben?
Diese Nazis sind vor allem junge
Leute zwischen 20 und 25 Jahren - die sind ja kaum noch in der DDR
aufgewachsen, konnten also von ihr auch nicht sozialisiert worden sein. Daß es jetzt so viele davon gibt, ist auch ein Ergebnis der
Strategie, die DDR zu delegitimieren. Da ihr
Antifaschismus gleich mit in den Schmutz gezogen wird, braucht man sich nicht
zu wundern, wenn das Gegenteil eintritt und sich faschistische Ideologie breitmacht.
Aber das war wahrscheinlich politisch auch so gewollt.
»Henry Leides Umwälzung der Geschichte der DDR«, Autoren Hans Herbert
Nehmer, Horst Busse und Dieter Skiba. Herausgegeben
von der »Gesellschaft für rechtliche und humanitäre Unterstützung e.V.« (GRH). Berlin, Mehringplatz 1,
www.grh-ev.org