18.09.2010: Aus Leserbriefen an die Redaktion der Tageszeitung „junge Welt“                          

Nervenkitzel?

- Zu jW vom 15. September: »Nervenkitzel als Motiv«

Die Flucht Stillers in den Westen zum BND war keinesfalls die Folge von Nervenkitzel. Es war Verrat eines skrupellosen Egoisten. Nachdem er seine Ehefrau betrog und ein Verhältnis mit einer Frau eingegangen war, die neben ihrer beruflichen Tätigkeit in der DDR auch für den BND spionierte, nachdem er seine Ehefrau zu Hause schlug und seine Kinder vernachlässigte, suchte er den Ausweg aus der persönlichen Krise in der Flucht in den Westen. Rücksichtslos verriet er dabei Kundschafter der HVA. Aber es waren keineswegs 70, wie er behauptet. 14 gefährdete Kundschafter konnten gewarnt und mit ihren Partnern in die DDR in Sicherheit gebracht werden. Zwei Kundschafter wurden verhaftet, ein Universitätsprofessor in der BRD und ein Atomphysiker in Frankreich. Welch eine Blamage für den BND und die CIA, daß es erst eines Verräters Stiller bedurfte, den langjährigen Chef der Auslandsaufklärung der DDR (HVA), Markus Wolf, zu identifizieren. Um die Person Stillers zu charakterisieren stimme ich voll mit seiner Tochter überein, die im Buch »Verratene Kinder«, S. 131, folgendes schrieb: »Er hat auf seinen jeweiligen Wegen Menschen überrannt, ohne auch nur einen Moment innezuhalten und zurückzublicken. Es hat ihn nicht interessiert, ob diese Menschen danach noch in der Lage waren, wieder unbeschadet aufzustehen und ihren Weg fortzusetzen.«

Werner Großmann, Generaloberst a. D.