jungeWelt

20.09.2010 / Politisches Buch / Seite 15

Arme Sau

  Egomanie und Selbstmitleid: Der frühere Geheimdienstler und Banker Stiller hat ein neues Buch vorgelegt.

   Robert Allertz

Hat einer alles verloren - Freunde, Wurzeln, Gesinnung, Geld, schreibt er ein Buch - eine therapeutische Übung, ausschließlich der Selbstrechtfertigung dienend. So geht es offenbar auch Werner Stiller. Sein aktuelles Buch mit dem Titel »Der Agent. Mein Leben in drei Geheimdiensten« liefert darum weniger Einblicke ins Spionagedasein, wie der Verlag ankündigt, sondern mehr ins Innenleben eines entwurzelten, nur von sich selbst getriebenen Individuums. Es sollte ins Fachregal »Psychologie« einsortiert werden. Die Interessante Fallstudie eignet sich nicht nur zu Lehrzwecken, sie kann auch unbearbeitet als medizinisches Lehrbuch ausgegeben werden.

Zäsur fürs MfS

Der Oberleutnant des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS) Werner Stiller (geb. 1947) aus der Hauptverwaltung Aufklärung (HV A), Sektor Wissenschaft und Technik, entging im Januar 1979 knapp seiner Verhaftung durch Flucht. Er hatte sich dem Bundesnachrichtendienst (BND) angedient, und man war ihm auf die Schliche gekommen. Doch aufgrund interner Probleme (auch beim MfS wußte wegen der Konspiration die linke Hand bisweilen nicht, was die Rechte tat) und einiger Schlamperei im Hause hatte er einen kleinen Vorsprung, weshalb Stiller ungehindert im Untergeschoß des Bahnhofs Friedrichstraße die Front des Kalten Krieges überschreiten konnte. Drüben wurde er zum Söldner seines bisherigen Klassenfeinds, er lieferte dem BND einige Informationen und damit engagierte Menschen ans Messer, die aber, weil er eben doch nicht soviel wußte wie er vorgab, erst ermittelt werden mußten. So hatte das MfS Zeit, die Quellen zu warnen und zurückzuziehen. Der Coup war nicht so grandios, wie Pullach posaunte.

Es gab Schaden anderer Natur, weshalb der Vorgang mit Recht eine Zäsur im Dasein des Schutz- und Sicherheitsorgans der DDR genannt werden muß. Mit Stillers Fahnenflucht ging die Gewißheit verloren, daß man sich auf den Genossen an seiner Seite hundertprozentig verlassen konnte. Mißtrauen und Argwohn hielten Einzug, die Überzeugung von der unbedingten Verläßlichkeit aller war dahin. Selbst wenn man Stiller gekriegt hätte, wäre der Zweifel geblieben. Der Geist war aus der Flasche, der Schaden irreparabel.

Stiller, zeitlebens ein Spieler, hatte -  gewiß unbeabsichtigt - dafür gesorgt daß die »revolutionäre Wachsamkeit« extrem zunahm. Alles wurde noch konspirativer in der konspirativen Arbeit, aber eben nicht vorsichtiger aufs Ganze bezogen, sonst hätte die CIA nach dem 15. Januar 1990 nicht ungestört 381 Datenträger aus der Normannenstraße klauen und hätten später andere nachrichtendienstliche Verwerter nicht die Akten ausschlachten können, die man in Jahrzehnten angehäuft hatte. Wenn Stiller der GAU, der größte anzunehmende Unglücksfall, war, so war dies der Super-GAU. Auf beide war das MfS nicht vorbereitet, wie wir heute wissen.

Hasardeur

Man hätte ein gewisses Verständnis aufbringen können, wäre Stiller von ehemaligen Kollegen vom Friedhof geprügelt worden, als er dem Vernehmen nach unerkannt an der Trauerfeier für den langjährigen HV A-Leiter Markus Wolf im November 2006 teilnahm. Daß er dies verschweigt und es bei der Denunziation seines einstigen Chefs beläßt, er habe »Markus Wolf immer geschätzt« (auf Seite 172 nennt er ihn sogar »Mischa«) und mit ihm nach 2003 telefoniert, genügt Stiller offenbar. Der Judaskuß scheint ihm wichtiger als die postume Pointe in Berlin-Friedrichsfelde.

Überhaupt sind die weißen Flecken in seiner Vita unverändert existent, manche deckt er allenfalls mit gespreizter Eitelkeit. So will er nach seiner Flucht Wolf auf einem in Stockholm aufgenommenen Foto als den »Mann ohne Gesicht« identifiziert haben. Das Bild erschien am 5. März 1979 auf der Titelseite des Spiegel. Stiller spekuliert nun, daß sich Markus Wolf in der schwedischen Hauptstadt mit dem israelischen Mossad getroffen habe. Beides ist unzutreffend. Lange vor Stiller identifizierte der aus Leipzig stammende CIA-Agent Erich Wolfgang Veith (1931-2006) Wolf auf dem Foto des schwedischen Geheimdienstes. Veith, der mehrere Jahre in Bautzen inhaftiert war, hatte zuvor den HVA-Chef bei einem Messebesuch gesehen.

Stiller erklärte die Vorlage seines jetzigen Buches mit der Legende, er könne und müsse »20 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges« alles sagen, was ihm in seiner 1986 erschienenen Publikation »Im Zentrum der Spionage« vom BND gestrichen worden sei, um »keine Rückschlüsse auf die Methoden seiner Arbeit« zu gestatten. Doch die Gründe scheinen anderer Natur. Zum einen konnte der Autor mit Auszügen aus etwa 1800 Aktenseiten der Gauck-Birthler-Behörde sein Werk aufplustern, zum anderen lebt er offenbar in dem Wahn, damit noch einmal Kasse machen zu können. Denn: »Ich habe Millionen verdient und Millionen wieder verloren«. Schuld daran, so Stiller, sei seine zeitweilige Tätigkeit für zwei Bankhäuser, »die inzwischen wegen ihrer abenteuerlichen Finanzspekulationen in arge Probleme geraten sind: Goldman Sachs und Lehman Brothers«. Ihm müsse »niemand erklären, wie es zur globalen Finanzkrise gekommen ist«. Nun. Stillers persönliche »globale Finanzkrise« soll, wie es heißt, aus Aserbaidschan gekommen sein und seine Bekanntschaft über eine Kontaktanzeige in New York gemacht haben. Mit der Bankvollmacht, die ihr Stiller erteilt habe, soll sein Konto abgeräumt worden sein. Ob es sich so verhielt, wissen nur Stiller und die Schöne aus dem Kaukasus, aber zu dem Hasardeur paßt die Geschichte, selbst wenn sie erfunden ist, gut.

Selbstmitleid

Am 1. Februar 1990 - die DDR löste sich gerade auf - übernahm Stiller die Leitung des Bankhauses Lehman Brothers in Frankfurt am Main. Vermutlich wollte die Heuschrecke aus Übersee am Leichenschmaus teilnehmen. Am 1. Juli war er wieder im ostdeutschen Staat, um seine Schwester zu besuchen. »Die Umbruchsituation im Osten reizte mich natürlich. Ich überlegte, ob ich wirtschaftlich einsteigen, Betriebe oder Häuser kaufen, neue Firmen gründen sollte. Die Treuhandanstalt bot ja vieles billig feil«.

Aber irgendwie ging nach dem Ende der DDR auch für Stiller alles den Bach runter. Seine »amerikanische Frau, die kein Deutsch sprach«, ließ sich von ihm scheiden, weil er ihr »die Unwahrheit« gesagt hatte. »Sie wußte zwar, daß ich schon mal verheiratet war, nicht aber, daß in der DDR zwei Kinder zurückgeblieben waren«. Sie »erreichte letztlich, daß ich fast mein ganzes Vermögen verlor und auch das Haus an der Cote d'Azur verkaufen mußte«. (Was denn nun: Arm wegen globaler Finanzkrise oder wegen Scheidung?) Dann verlor er 1996 auch noch seinen Job »nach einem leichtsinnigen Auftritt als Börsenexperte im Fernsehen«, weshalb sich Journalisten an seine Fersen hefteten, und weil er an »öffentlichen Diskussionsrunden« über die »Aufarbeitung der Stasi-Geschichte« teilnahm. »In der eher zugeknöpften Bankenwelt sah man das nicht so gern, und so endete 1996 meine Finanzkarriere in Frankfurt«. Da kann man schon zum Säufer werden. »Am 24.August 1997, meinem 50. Geburtstag, saß ich allein zu Hause, das Telefon war abgestellt. Meine Barschaften hatten gerade noch für ein paar Flaschen Rotwein gereicht«. Spätestens an dieser Stelle kommen dem Leser die Tränen - das Selbstmitleid schwappt über.

Stiller stellt schließlich fest, er habe sich »von den Kollegen in Pullach«, denen er kurz zuvor noch einmal in die Weichteile tritt, »vor etwa zehn Jahren im gegenseitigen Einvernehmen getrennt, zur CIA besteht schon seit dem Ende meiner amerikanischen Jahre kein Kontakt mehr«. Das ist vielleicht die einzig wahre Botschaft des larmoyanten Textes: Geheimdienste lieben den Verrat, nicht den Verräter. Hinzu kommt in diesem Fall: Was sollen sie mit einem Abenteurer solchen Schlages?

So bleiben Stiller - siehe oben - die Selbstversicherung und der Versuch, an seine Anfänge anzuknüpfen. Es ist wohl kein Zufall, daß dieses Buch in einem ostdeutschen Vertag erschien. Die Bemühungen Stillers allerdings, Kontakte zu ehemaligen Kollegen zu knüpfen, scheiterten am Tod (Markus Wolf und der Leiter der MfS-Spionageabwehr, Günther Kratsch [1930-2006], können hier Behauptetes nicht mehr dementieren) oder am Charakter: »Ich wurde immer schon am Telefon abgekanzelt, keiner war bereit, sich mit mir zu treffen. Als Grund wurde angegeben, daß ich ihnen nicht nur dienstlich, sondern auch persönlich erheblich geschadet hätte«. Das allein wird es nicht gewesen sein, weshalb ihm überall die kalte Schulter gezeigt wurde. Verrat bleibt Verrat, auch wenn die Zeit darüber hinweggegangen ist.

Werner Stiller: Der Agent. Mein Leben in drei Geheimdiensten. Ch. Links Verlag, Berlin 2010, 256 Seiten, 19,90 Euro