Texte von Informationstafeln in Berlin – Mitte
Die nachfolgenden Texte sind Informationstafeln entnommen, die an den entsprechenden Gebäuden in Berlin-Mitte aufgestellt wurden und deren historische Entstehung und Nutzung beschreiben. Es handelt sich um die vollständigen Zitate der jeweils auf die Zeit des Faschismus bezogenen Abschnitte.
Wilhelmstr. 77 (Alte Reichskanzlei)
„… Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und den darauffolgenden Sondergesetzen, die dem Kanzler eine zunehmende Machtfülle verliehen, wuchsen auch Macht und Einfluß der Reichskanzlei. Da seit 1935 fast keine Kabinettsitzungen mehr stattfanden, verlor die Behörde zwar einen Teil ihrer bisherigen Aufgaben. Auf der anderen Seite jedoch war der Leiter der Reichskanzlei oft die einzige Verbindung zwischen den Ministern und Adolf Hitler, eine Stellung, die einen zwar nicht rechtlich fixierten, aber faktisch vorhandenen Einfluß auf alle Entscheidungen sicherte.
Adolf Hitler nutzte das Haus in der Wilhelmstraße 77 als Wohnung und zu Repräsentationszwecken. Ab Januar 1939 wurden jedoch alle repräsentativen Veranstaltungen in die Neue Reichskanzlei an der Voßstrasse verlegt.“
Die Tafel zeigt u. a. ein Foto Adolf Hitlers mit der Bildunterschrift: „Adolf Hitler (1889 – 1945) 1933 – 1945 Reichskanzler“.
Vossstrasse 1 – 19 (Neue Reichskanzlei)
„Am 9. Januar 1939 wurde die Neue Reichskanzlei ihrer Bestimmung übergeben. Der Neubau nach dem Entwurf des Architekten Albert Speer war seit 1935 geplant und seit Ende 1937 ausgeführt worden. Er erstreckte sich über 400 Meter entlang der gesamten Nordseite der Vossstrasse.
Der monumentale Bau war als Demonstration der Herrschaftsansprüche des nationalsozialistischen Deutschland gedacht. Seine Errichtung stand in einem zeitlichen Zusammenhang mit dem „Anschluß“ Österreichs im März 1938. Die nationalsozialistische Propaganda brachte die Beziehung zwischen der territorialen Expansion und der Neuen Reichskanzlei zum Ausdruck, als sie erklärte, der Neubau entspreche „dem Zuwachs an Macht und Größe Deutschlands“.
Diese Macht sollte nicht nur durch die innere Anlage, den Wert der verarbeiteten Materialien und die Fülle des Schmucks symbolisiert werden. Besucher, die das Gebäude durch die Toreinfahrt am Wilhelmplatz betraten, die in die Fassade des Erweiterungsbaus gebrochen worden war, mussten eine fast 300 Meter lange Raumfolge, in deren Zentrum die „Marmorgalerie“ stand, durchqueren, bevor sie in den Empfangssaal kamen. Der Weg sollte beeindrucken und einschüchtern. Im Zentrum des Gebäudes stand Hitlers Arbeitszimmer, das vollständig mit Marmor ausgekleidet war und mit 400 qm und einer Höhe von 10 m als Halle bezeichnet werden kann. Der repräsentative Charakter des Gebäudes stand im Vordergrund. Die Arbeitsräume der Reichskanzlei nahmen nur einen geringen Teil des Bauvolumens ein. Einige verblieben in den Resten des Erweiterungsbaus der Weimarer Republik oder im Borsig-Palais am Ende der Wilhelmstraße zur Vossstrasse, das bereits 1933 gekauft worden war. Hier befand sich die „Präsidialkanzlei“, die mit den Angelegenheiten befasst war, die Hitler, der nach dem Tod Hindenburgs auch das Amt des Reichspräsidenten übernommen hatte, als Staatsoberhaupt betrafen. Chef der Reichskanzlei war von 1933 bis 1945 Hans Heinrich Lammers, der seit 1920 im Reichsministerium des Innern tätig und wiederholt als Gegner der Republik an die Öffentlichkeit getreten war. Lammers politischer Einfluß war groß. Da seit 1935 keine regelmäßigen Kabinettssitzungen mehr stattfanden, wurde der Verkehr zwischen den Ministern und dem Kanzler fast ausschließlich über den Chef der Reichskanzlei abgewickelt. Dieser Stellung entsprach die Rangerhöhung zum Minister im Jahre 1937.
Teile der Neuen Reichskanzlei waren mit Luftschutzbunkern unterkellert. Im Jahre 1943 wurde im Garten, mit direkter Verbindung zur Alten Reichskanzlei, in der Hitlers Privaträume lagen, ein unterirdischer „Führerbunker“ errichtet. Hier verbrachte Hitler die letzten Wochen vor seinem Selbstmord am 19. April 1945.“
Die Tafel zeigt u. a. ein Bild von Lammers mit der Bildunterschrift „Hans Heinrich Lammers (1879 – 1962) 1933 – 1945 Staatssekretär (ab 1937 Reichsminister) in der Reichskanzlei“
Wilhelmstraße 81 – 85 (Reichsluftfahrtministerium)
„… Im Mai 1933 übernahm Hermann Göring die Gebäude für sein am 5. Mai gegründetes „Reichsluftfahrtministerium“. Göring war bereits seit 2. Februar 1933 „Reichskommissar für die Luftfahrt“, dem die für die zivile Luftfahrt zuständige Abteilung „Luftverkehr“ des Reichsverkehrsministeriums unterstellt wurde. Dazu kamen bei der Gründung des Ministeriums alle mit der militärischen Luftfahrt befassten Stellen, die bisher beim Reichswehrministerium geführt wurden. Am 1. Mai 1935 wurde Göring zusätzlich zum „Oberbefehlshaber der Luftwaffe“ ernannt.
Nach dem Abriß des Gebäudes des Kriegsministeriums wurde 1935/36 auf dem südlich bis zur Prinz-Albrecht-Straße erweiterten Gelände ein Neubau für das Reichsluftfahrtministerium errichtet. Göring übernahm zusätzlich die benachbarten Gebäude des ehemaligen Preußischen Landtags und des Preußischen Herrenhauses. In diesem Areal wurden die Büros eingerichtet, die Göring für die Ausübung weiterer Ämter benötigte, deren wichtigste das des preußischen Ministerpräsidenten und das des „Beauftragten für den Vierjahresplan“ waren…“
Die Tafel zeigt u. a. ein Bild Görings in Marschallsuniform mit der Bildunterschrift: „Hermann Göring (1893 – 1945) 1933 – 1945 Reichsluftfahrtsminister“.
Wilhelmplatz 8/9 („Reichsministerium für Volksaufklärung und
Propaganda“)
„… Die Presseabteilung wurde im Sommer des Jahres 1933 dem am 13. März gegründeten „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ eingefügt. Dieses Ministerium war ganz auf die Person von Joseph Goebbels zugeschnitten, der seit 1926 als „Gauleiter“ der NSDAP in Berlin mit aggressiver Propaganda, die bis zur Inszenierung bürgerkriegsähnlicher Situationen reichte, auf Stimmenfang ging. Seit 1930 war Goebbels zusätzlich „Reichspropagandaleiter“ der NSDAP.
Der Tätigkeitsbereich des Ministeriums war keineswegs auf die Presse beschränkt; es übernahm die Lenkung und Kontrolle der Literatur, der bildenden Kunst, des Films, des Theaters und der Musik. Wichtigstes Überwachungsinstrument war die Reichskulturkammer, die dem Propagandaministerium unterstand und in sechs Einzelkammern für die genannten Bereiche gegliedert war. Wer in einem dieser Bereiche tätig sein wollte, musste der entsprechenden Kammer angehören. Wer in irgendeiner Form von den durch den nationalsozialistischen Staat festgesetzten Richtlinien abwich, musste mit Sanktionen rechnen, die vom Ausschluß aus der Kammer und damit einem Berufsverbot bis zur Einweisung in Konzentrationslager reichten.
Das Propagandaministerium übte
die Kontrolle über die Kultur, wobei Wissenschaft und Schule allerdings
ausgenommen blieben, und sämtliche Medien aus. Der Rundfunk war sofort 1933 in
die hand des Propagandaministers übergegangen. Die Presse wurde, über die
Kontrolle durch die Reichspressekammer hinaus, durch strenge Vorgaben gelenkt.
Alle Informationen, die der Presse zur Verfügung standen, wurden von einer dem
Propagandaministerium unterstehenden Presseagentur herausgegeben. Bei der
weiterhin täglich um 12.00 Uhr stattfindenden Pressekonferenz wurden Weisungen
gegeben, wie mit diesen Informationen zu verfahren sei.
Die ständig wachsende Zahl der Mitarbeiter des Ministeriums, die 1939 auf 2000 gestiegen war, erforderte mehrere Um- und Anbauten. Bereits 1934 wurde ein neuer Flügel an der Ostgrenze des Grundstücks errichtet. Im Jahre 1938 riß man das Nachbarhaus Wilhelmstraße 62 ab und verlängerte den Flügel an der Wilhelmstraße; entlang der Mauerstraße wurde ein Neubau errichtet. Während das Palais im März 1945 ausbrannte, blieben die Erweiterungsbauten zum großen Teil bis heute erhalten.“
Die Tafel zeigt u. a. zwei Bilder von und mit Goebbels. Das erste Bild, das Goebbels agierend unter dem Hakenkreuz zeigt, trägt die Bildunterschrift: „Propagandaminister Joseph Goebbels bei einer Ansprache im „Thronsaal“ des Ministeriums“, das zweite Bild zeigt ein Portrait von Goebbels mit der Unterschrift: „Joseph Goebbels (1897 – 1945) 1933 – 1945 „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“.
Wilhelmstraße 72 (Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft)
„… Nach Hugenbergs Rücktritt im Juni 1933 wurde Richard Walther Darré zum Minister für Ernährung und Landwirtschaft ernannt. Am 1. Januar 1935 wurde das Reichsministerium mit dem Preußischen Ministerium für Landwirtschaft verbunden. Beide Ministerien mussten die Forstangelegenheiten an Hermann Göring abgeben, der neben vielen anderen Ämtern auch das des „Reichsforstmeisters“ innehatte.
Richard Walther Darré war seit 1930 Leiter der „Agrarpolitischen Abteilung der NSDAP“ und bereits vor der Übernahme des Ministeramts als „Reichsbauernführer“ uneingeschränkter Leiter des „Reichsbauernstandes“. Alle Landwirte mußten Mitglied dieser neuen Berufsorganisation sein, die im Sommer 1933 aus der Gleichschaltung der Genossenschaften und agrarischen Interessenverbände hervorgegangen war. Der „Reichsbauernstand“, durch Personalunion mit dem zuständigen Ministerium verbunden, regulierte vor allem über Preisfestsetzungen weitgehend die landwirtschaftliche Produktion.
Von Darré stammt die Formel „Blut und Boden“. Dahinter verbarg sich eine rassistische Utopie, in deren Zentrum der Gedanke der Bildung einer neuen „Herrenrasse“ stand. Zur Verwirklichung dieses Programms gehörte die Eroberung von „Lebensraum“ und die Versklavung, Vertreibung und Vernichtung von Menschen, die als „rassisch minderwertig“ galten. Diese Utopie war Teil des Programms der „bevölkerungspolitischen Neuordnung“ Europas, das von der SS vertreten wurde; Richard Walther Darré war folgerichtig auch Leiter des „Rasse- und Siedlungshauptamtes“ der SS.“
Die Tafel zeigt ein Portrait von
Darré in SS-Uniform mit der Bildunterschrift: „Richard Walther Darré (1895 –
1953) 1933 – 1945 Reichsernährungsminister sowie eine Abbildung des
Titelblattes seines Buches „Neuadel aus Blut und Boden, München 1930.