ZWIE-GESPRÄCH Nr 28/29
(1995), Seite 12 - 23
Die Tätigkeit des ehemaligen
MfS zur Sicherung der VoIkswirtschaft
der DDR
Horst Rolgk
Geb. 1931, studierte Ökonomie und Jura mit Promotion zum Dr. jur.
In der DDR seit 1955 Angehöriger des MfS, zuletzt Oberst und
Abteilungsleiter
in der für die Sicherung der Volkswirtschaft zuständigen
Hauptabteilung XVIII.
Dieser Beitrag ist die
Wiedergabe eines geringfügig überarbeiteten Vortrages, den Horst Roigk am 10.
Juli 1995 im Diskussionskreis »Zwie-Gespräch« hielt. Weitere Informationen
über den Autor und seine Ansichten enthalten die Bücher Gisela Karaus: »Stasi-Protokolle.
Gespräche mit ehemaligen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit«
der DDR«, dipa-Verlag Frankfurt am Main 1992, S. 20 - 34 und
Ludwig Geißel: » Unterhändler der Menschlichkeit, Erinnerungen«. Mit einem
Begleitwort von Manfred Stolpe. Quell-Verlag Stuttgart 1991, S. 336 ff.
Ich gehöre der Generation
an, bei der ein bestimmender Teil der Kindheitserinnerungen durch den Krieg
geprägt wurde. Als einzige und wirksame Alternative gegen den Krieg, seine
Ursachen und seine verheerenden Folgen, sah ich das Sozialismusmodell, wie es
sich in den fünfziger Jahren zu entwickeln begann. Diesem Sozialismus zu
dienen, verstand ich als meine erste Pflicht. Zu keiner Sekunde habe ich im Mai
1955 bei meinem Eintritt in das MfS daran gezweifelt, eine folgerichtige und
notwendige Entscheidung getroffen zu haben.
Zu dieser Entscheidung stehe
ich auch heute. Diese Feststellung schließt ein, daß meine Verantwortung für
Handlungen, die ich oder meine mir unterstellten Mitarbeiter begangen haben,
für mich nicht verjährt. Andererseits bin ich nicht bereit, Verantwortung für
Handlungen zu übernehmen, die ich nicht zu verantworten hatte.
Während der gesamten Dauer meiner 35jährigen Zugehörigkeit zum ehemaligen MfS (bzw. zuletzt dem AfNS) war ich ausschließlich auf dem Gebiet der Sicherung der Volkswirtschaft tätig. Ich bin deshalb nicht in der Lage, mich über die Tätigkeit des MfS in seiner Gesamtheit kompetent zu äußern. Ich sage das nicht vorbeugend, um möglichen Anfragen auszuweichen. Meiner Meinung nach wären viele Irritationen zu vermeiden, wenn Personen, die sich verpflichtet fühlen, Probleme der Vergangenheit darzulegen, sich auf solche Themen beschränkten, bei denen sie über die erforderliche Sachkunde verfügen.
Ich war in meiner letzten
Dienststellung als Abteilungsleiter verantwortlich für den Sicherungsbereich
der zentralen wirtschaftsleitenden Staatsorgane auf den Gebieten Planung,
Finanzen und Statistik, RGW sowie der Sicherung der in der DDR auf der
Grundlage von Regierungsabkommen befindlichen ausländischen Werktätigen. Dies
schloß eine Zusammenarbeit mit den Sicherheitsorganen anderer ehemaliger sozialistischer
Länder ein.
Die Volkswirtschaft der DDR war
von Anfang an ein besonders anfälliger Bereich
Zunächst einige erläuternde
Vorbemerkungen zum »Sicherungsgegenstand Volkswirtschaft«, wie es im
Sprachgebrauch des ehemaligen MfS hieß. Seit dem 8. Mai 1945 hatte die aus dem
einheitlichen Wirtschaftsorganismus des untergegangenen faschistischen
Deutschlands herausgelöste Volkswirtschaft der ehemaligen Sowjetischen
Besatzungszone - später der DDR -zwei offene Grenzen:
· Über die offene Grenze zu den Westzonen -
später der BRD - wanderten bis zum 13. August 1961 3 Millionen Menschen
ab. Darunter befanden sich mindestens 1 Million qualifizierte Arbeitskräfte.
· Über die offene Grenze Richtung UdSSR rollten bis
Mitte der fünfziger Jahre Reparationsgüter, deren Wert - je nach Zweck -
mit 500 bis 700 Mrd. Mark beziffert wird.
Dieser unerhörte Aderlaß an
gesellschaftlichem Arbeitsvermögen einerseits und an Maschinen und
Ausrüstungen, Transportmitteln und Rohstoffen andererseits ließ die
Volkswirtschaft der DDR von Anfang an zu einem besonders anfälligen Bereich
werden. Hinzu kommt - und auch das ist eine unbestreitbare Tatsache -,
daß unmittelbar nach Beendigung des 2. Weltkrieges Mitarbeiter weltbekannter
Konzerne mit Sitz in den Westzonen schwere subversive und kriminelle Verbrechen
gegen die wirtschaftlichen Grundlagen der damaligen SBZ inspiriert,
organisiert und durchgeführt haben. Stellvertretend seien nur genannt die
Urteile des Obersten Gerichtes der DDR vom
. 29. April 1950 gegen die Deutsche Continental-Gas-Gesellschaft
Dessau
· 8. Dezember 1950 zur Sabotage im Thüringer Bank-
und Finanzwesen
· 20. Dezember 1950 über Sabotage und
Wirtschaftsspionage zu Gunsten der IG Farben in »Deutsche Solvay Werke AG «
Diese "besondere" Form des Wirtschaftskrieges fand auch nach Gründung beider deutscher Staaten seine Fortsetzung und dauerte bis zum Untergang der DDR an. Weil die Berichterstattung dazu aus den Medien verschwand, halte ich es für geboten, daran zu erinnern, um damit folgende Anmerkungen zu verbinden:
Aus unterschiedlichen Gründen
heraus wurde eine offene und öffentliche Konfrontation mit den Konzernen der
BRD durch die DDR-Führung vermieden. An die Stelle namentlich bekannter
Wirtschaftsunternehmen trat die globale Bezeichnung "das
staatsmonopolistische System der BRD".
Überführte Straftäter, die im Auftrag und im Interesse der
Wirtschaftsunternehmen
handelten, wurden gewissermaßen als Einzeltäter separiert, so, als ob sie die
Straftaten auf eigene Faust und auf eigenes Risiko begingen. In der Regel
»bedankten«
sich die Wirtschaftsunternehmen für die ihnen durch die DDR gewährte Schonung
mit sogenannten »Wiedergutmachungsleistungen« in Gestalt von unentgeltlichen
Warenlieferungen und Leistungen als die bevorzugte Form, aber auch durch
direkte Geldzahlungen. Die "Wiedergutmachungsleistungen" sind nicht
vergleichbar mit den auf staatlicher Ebene vereinbarten sogenannten
»Häftlingsfreikäufen«,
über die die Medien ausführlich berichteten Hier ging es um den guten Ruf des
Wirtschaftsunternehmens, nicht um den inhaftierten Straftäter. Und den
"guten Ruf" haben sich die Wirtschaftsunternehmen etwas kosten
lassen! Im Vertrauen auf die Herrn Gauck und seiner Behörde zugewiesene hohen
Objektivität wird irgendwann auch dieses Kapitel der Öffentlichkeit
zugänglich gemacht werden. Spätestens dann ist der Zeitpunkt gekommen, dazu
ausführlich Stellung zu nehmen. Heute muß ich hoffen, daß sie meinen Worten
Glauben schenken. Wird einmal diese Abteilung des Archivs in der Gauck-Behörde
geöffnet, kann ich ihnen das gesagte Wort für Wort beweisen.
Ich werde, sofern ich nicht
danach gefragt werde, auch nicht mit Beispielen aus meiner Tätigkeit bei der Entlarvung von Spionen und Wirtschaftsstraftätern
aufwarten Denn auch hier müßte ich an sie appellieren, mir zu glauben, denn
beweisen kann ich gegenwärtig nichts. Aus diesem Teil des Archivs ist ebenfalls
noch nichts an die Öffentlichkeit gedrungen.
Im Mittelpunkt der Tätigkeit
des ehemaligen MfS zur Sicherung der Volkswirtschaft der DDR stand zu jeder
Zeit die Sicherung der Hauptproduktivkraft der Gesellschaft, der im
Reproduktionsprozeß fungierende Mensch.
Man kann es auch anders
ausdrücken: Es war die geheimdienstliche Auseinandersetzung mit Menschen, die
im Reproduktionsprozeß tätig waren oder unmittelbar bzw. mittelbar auf seine
planmäßige Gestaltung einwirken konnten. In ihrem Wesen unterschied sich die
Tätigkeit des ehemaligen MfS auf diesem Gebiet nicht von der Tätigkeit auf
anderen Gebieten, soweit es die Anwendung geheimdienstlicher Mittel und
Methoden betrifft. Auch hier wurde mit inoffiziellen Mitarbeitern (IM)
gearbeitet, wurden Abhörmaßnahmen angewandt, Ermittlungen und Beobachtungen
durchgeführt, Personen im Rahmen von Vorgängen und Operativer Personen-Kontrolle
(OPK) bearbeitet.
Drei
größere Zeitabschnitte bei der Sicherung der Volkswirtschaft
Bei der Planung,
Organisation und Durchführung der konkreten Tätigkeit zur Sicherung der
Volkswirtschaft gab es entsprechend den sich verändernden inneren und äußeren
Lagebedingungen unterschiedliche Prioritäten. Aus Gründen des besseren
Verständnisses, wenn auch nicht mit wissenschaftlicher Akribie, lassen sich
drei größere Zeitabschnitte bestimmen. Das sind:
. die Jahre 1950 (Gründung des MfS) bis zum
Jahr 1961 (Schließung der Staatsgrenze der DDR)
· 1961 bis Mitte der siebziger Jahre
. Mitte der siebziger Jahre bis zum Untergang
der DDR.
Diese etwas willkürliche Zeiteinteilung läßt außer acht, daß sich kurz nach Beendigung des 2. Weltkrieges in den damaligen Westsektoren Berlins nicht nur die Geheimdienste der drei Besatzungsmächte etablierten, sondern auch die Ostbüros von Parteien, Gruppen mit antisozialistischer Zielstellung und ähnliche Vereinigungen ihren Sitz nahmen und gegen die SBZ aktiv wurden Diesen Zeitraum - Mai 1945 bis zur Gründung des MfS im Februar 1950 - möchte ich in meinen folgenden Betrachtungen nicht behandeln, sondern zunächst den Zeitraum Februar 1950 bis August 1961.
Der erste Zeitabschnitt:
Februar 1950 bis August 1961
Hier hatten folgende
Aufgaben bei der Sicherung der Volkswirtschaft Priorität:
· Abwehr von Spionageangriffen aller bedeutenden westlichen Dienste zur Erkundung von wirtschaftlichen Engpässen und Versorgungsschwierigkeiten; Aufklärung des Standes von Forschung und Entwicklung
· Sicherung der Grundlagen des
wirtschaftlichen
Aufbaus in Industrie und Landwirtschaft gegen Diversionsakte,
Sabotagehandlungen und andere schwere Verbrechen wie Sprengstoffanschläge,
Brandstiftungen, Viehvergiftungen u.a.
· Verhinderung der zielgerichteten Abwerbung
von Spezialisten aus Wissenschaft und Technik sowie in Zusammenarbeit mit der
Deutschen Volkspolizei das Bemühen zur Eindämmung des massenhaften Verlassens
der DDR von Werktätigen aus Industrie und Landwirtschaft.
Von der seit dieser Zeit
herrührenden bedeutenden Verringerung des Arbeitskräftepotentials bzw.
schwerwiegenden Verlusten an der »Hauptproduktivkraft Mensch«, um bei dem
bereits verwandten Begriff zu bleiben, hat sich die vorwiegend extensiv
betriebene
Volkswirtschaft der DDR nie mehr erholen können.
In diesem Zeitraum hat sich
das MfS nur im geringen Maße in die Volkswirtschaft eingemischt. Der geringe
Mitarbeiterbestand war im ständigen Einsatz zur Klärung von Vorkommnissen mit
schädigender Wirkung für die Volkswirtschaft bzw. im sogenannten »klassischen«
Geheimdienstmilieu mit einem für damalige Verhältnisse klaren »Feindbild«
tätig, bei aller Fragwürdigkeit, die der Begriff »Feindbild« in seiner Abstraktion
bietet.
Die Einschätzung
volkswirtschaftlicher Prozesse war zu dieser Zeit im MfS nicht gefragt.
Persönliches Interesse der Mitarbeiter an volkswirtschaftlichen Prozessen sowie
die Erarbeitung von derartigen Informationen aus ihrem Sicherungsbereich galt
als Ablenkung von der Arbeit am Feind. Eine Qualifikation der Mitarbeiter auf
volkswirtschaftlichem Gebiet war weder gefragt noch wurde es als notwendig
angesehen.
Als wir im September 1960
den Auftrag erhielten - wer ihn erteilte, ist mir nicht mehr in
Erinnerung -, eine umfassende Analyse über die Abhängigkeit der
Volkswirtschaft der DDR von der BRD anzufertigen und Vorschläge für eine
»Störfreimachung« - so hieß der Begriff - zu unterbreiten, waren
die Mitarbeiter der Hauptabteilung XVIII (zu dieser Zeit HA lll) ziemlich
hilflos. Sie verfügten weder über die erforderliche Qualifikation noch über
eine ausreichende Anzahl von IM, die die notwendigen Fachkenntnisse besaßen.
In dieser Zeit war das Hauptkriterium für die Werbung eines IM seine Eignung,
an Personen zu arbeiten. Der sogenannte »Fachinformator« spielte eine
untergeordnete Rolle.
Die vorbeugende Arbeit, mit
der Straftaten verhindert werden sollten, war in diesem Zeitraum nur in
geringem Maße entwickelt, eine Abwehrstrategie auf dem Gebiet der
Volkswirtschaft gab es nicht. Es hatte auch keiner die Zeit für strategische
Überlegungen, denn jeder Tag bestimmte die zu lösenden Aufgaben neu.
Der zweite Zeitabschnitt:
August 1961 bis Mitte der
siebziger Jahre
Dieser Zeitraum ließe sich
nochmals unterteilen in die »goldenen« 9 Jahre (bis etwa 1970) der DDR-Volkswirtschaft,
in denen bei allen notwendigen Abstrichen eine relativ stabile
volkswirtschaftliche Entwicklung festzustellen war und den Zeitabschnitt
Anfang der siebziger (Machtantritt Honecker/Mittag) bis Mitte der siebziger
Jahre. Maßgeblich für den zeitweiligen Aufschwung in den »goldenen« Jahren
waren realistische volkswirtschaftliche Zielstellungen und ein planmäßiger
Einsatz des noch verbliebenen Arbeitskräftepotentials.
Mit der Kommandoübernahme
durch Honecker/Mittag trat innerhalb weniger Jahre eine Wende in der
Wirtschaftsführung ein, die zu irreparablen Schäden führte. In diesem relativ
kurzen Zeitraum wurden die Bedingungen für den Untergang der DDR auf
wirtschaftlichem Gebiet geschaffen. Es sei ausnahmsweise gestattet, an dieser
Stelle einige wenige volkswirtschaftliche Kennziffern einzufügen, die diesen
Niedergangsprozeß verdeutlichen:
· Betrug 1970 die Verschuldung der DDR
gegenüber den westlichen Staaten 2,2 Mrd. Valutamark, hatte sie 1975 bereits
11,0 Mrd. Valutamark erreicht. Damit wurde die Verschuldung gegenüber dem
westlichen Ausland zum bestimmenden Kriterium für alle wesentlichen
wirtschaftspolitischen
Entscheidungen der DDR-Führung;
· Die Akkumulationsrate im produzierenen
Bereich der Volkswirtschaft sank von 19,4 % auf 17,1 %. Damit waren wesentliche
notwendige Investitionen nur noch zum Teil oder überhaupt nicht mehr
durchführbar.
Die subjektiven
Wunschvorstellungen von Honecker und Mittag gerieten immer mehr in Widerspruch
zu den objektiven Erfordernissen und Möglichkeiten der Volkswirtschaft der
DDR, zu den Bedürfnissen und Wünschen ihrer Bevölkerung, zur Erreichung des
versprochenen, sich ständig steigenden Lebensniveaus, das sich bekanntlich
aus der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik ergeben sollte.
Mitte der siebziger Jahre
entstand hieraus eine neue sicherheitspolitische Dimension: »Die Stimmung unter
der Bevölkerung«, die im letzten Zeitabschnitt des Bestehens der DDR zu den
angeblich flächendeckenden Überwachungsmaßnahmen führten.
Neue Lage auch für die
Sicherung der Volkswirtschaft durch die Sicherungsmaßnahmen im August 1961
Für die Sicherung der
Volkswirtschaft war mit den Maßnahmen zur Schließung der Staatsgrenze der DDR
im August 1961 eine neue Lage entstanden. Es waren nicht nur, wie es heute sehr
bildhaft geschildert wird, 17 Millionen DDR-Bürger, die »eingemauert«
wurden; es war auch subversiven und kriminellen Elementen der Zugang zu ihnen
bedeutend erschwert worden.
Für beide Seiten war es
anfangs kompliziert, mit den neuen Lagebedingungen zurechtzukommen. Den
westlichen Geheimdiensten sowie den anderen gegen die DDR operierenden
Institutionen und Gruppen waren die Verbindungssysteme zu ihrer
»Agenturbasis« - ich verwende hier einen damals gängigen Fachterminus - in der DDR entzogen; aber auch die Abwehr wußte nicht, wo sie feindliche Kräfte
in der Volkswirtschaft suchen und finden sollte. Das mag klischeehaft klingen - es war aber so.
Das verwundbarste Gebiet im Zusammenspiel von
Auftraggebern und ihren ErfülIungsgehilfen bei ihrer gegen die Volkswirtschaft
gerichteten Tätigkeit war das persönliche Verbindungssystem. Dieses wurde
direkt oder teilweise auch über Mittelsmänner wahrgenommen.
Informationsübermittlung
durch Funk oder über sogenannte »Tote Briefkästen« waren im
Sicherungsbereich
Volkswirtschaft nicht üblich.
Von den westlichen
Geheimdiensten wurde - ohne sonderlichen Erfolg - versucht, ein
sogenanntes "natürliches Verbindungssystem" aufzubauen. Im
westlichen Ausland lebende Verwandte wurden im Auftrag der Geheimdienste
veranlaßt, die abgerissenen Kontakte zu ihren Mittelsmännern auf postalischem
Weg wiederherzustellen.
Ich halte an dieser Stelle
ein Überdenken publizierter Auffassungen über die Funktion und den Inhalt der
Postkontrolle für angezeigt, die in dieser Zeit eine hochrangige Bedeutung
erlangte und in die Spionageabwehr integriert wurde. Ihre ursprüngliche
Funktion bestand in der Aufdeckung von Spionageaktivitäten und nicht in der
sogenannten flächendeckenden Überwachung von DDR-Bürgern hinsichtlich
ihrer politischen Meinungsbildung und Meinungsäußerung. Dazu wurde sie erst - wenn auch nicht flächendeckend
- in der Zeit, als die politische
Stimmungslage zur entscheidenden sicherheitspolitischen Dimension wurde.
Anwerbung von DDR-Reisekadern für Spionage
Wesentlich erfolgreicher waren die westlichen Geheimdienste, legale
Möglichkeiten für die Spionageabwehr zu nutzen. Diese bestanden im wesentlichen
in der Anwerbung von Reisekadern der Außenhandels- und Industriebetriebe der
DDR, die im Rahmen kommerzieller oder technischer Verhandlungen in das
westliche Ausland reisten. Dazu gehörte nach dem damaligen Verständnis auch die
BRD. Besonders aktiv war hierbei die Filiale des US-Geheimdienstes in
Hamburg - sowohl bei der Anwerbung von DDR-Bürgern als auch bei
der Werbung von BRD-Bürgern zur Durchführung geheimdienstlicher Aufgaben
auf dem Territorium der DDR.
Als eines der wenigen von
mir nachweisbaren Beispiele sei hierfür an dem vor dem Obersten Gericht der
DDR im Jahre 1967 durchgeführten Prozeß gegen Hüttenrauch/Latinsky erinnert.
Ich zitiere aus dem Urteil des Obersten Gerichts 19. Oktober 1967, nachzulesen
in »Neue Justiz« Berlin 1967 im 2. Novemberheft:
»Der Angeklagte Hüttenrauch
war in Westberlin als selbständiger Handelsvertreter tätig und vermittelte
Geschäfte mit Außenhandelsunternehmen der DDR. Zu diesem Zweck hatte er eine
ständige Einreiseerlaubnis in die DDR. Er war Anfang 1960 von der CIA zur
Spionage
gegen die DDR angeworben worden und erhielt dafür monatliche Zuwendungen
zwischen 200,- und 1.150,DM.
Der Angeklagte Latinsky war
Inhaber einiger Firmen, darunter der Firma Oelmess und des Unternehmens
Elektrodat und unterhielt Geschäftsbeziehungen zur Mineralölindustrie und zum
Schiffbau der DDR. Er wurde vom kaufmännischen Leiter seiner Firma Oelmess,
einem langjährigen Mitarbeiter des faschistischen Sicherheitsdienstes und
(späteren) Agenten des BND, im Herbst 1956 für die Zusammenarbeit mit dem BND
angeworben. Arbeitsteilig mit anderen Mitarbeitern der Firma organisierte
Latinsky im Auftrag des BND eine intensive Spionage- und Störtätigkeit geen
den Aufbau neuer Betriebe in der DDR.«
Als Reaktion auf die
Konzentration der Geheimdienste und anderer gegen die Volkswirtschaft der DDR
agierender Institutionen und Gruppen auf die DDR-Reisekader und ihre
eigenen Landesbürger, die aus kommerziellen Gründen in die DDR einreisten,
wurden diese Personengruppen - wie es im MfS-Sprachgebrauch hieß - zum operativen Sicherheitsschwerpunkt im
Prozeß der Sicherung der
Volkswirtschaft.
Nach meiner Erinnerung waren
es ca. 40.000 Reisekader der DDR. Über diese besonders zu schützende
Personengruppe gab es im MfS- Unterlagen. Daß heute nahezu jede Akte zum
Repressionsinstrument erhoben und als Akt flächendeckender Bespitzelung
betrachtet wird, glaubt nur der, der diese Akten nicht kennt oder ihre realen
Aussagen nicht wahrhaben will. Wer in der DDR Reisekader war, dem wurde
offiziell
und inoffiziell eine positive Haltung zum Staat bescheinigt - ähnlich wie
es bei Geheimnisträgern der Fall war. Setzt man die relativ geringe Zahl der
Reisekader dagegen, die von Dienstreisen in das westliche Ausland nicht
zurückkehrten oder sich westlichen Geheimdiensten verdingten, kann durchaus
gesagt werden, daß zumindest die für diesen Personenkreis getroffenen
Einschätzungen real waren und für einen langen Zeitraum Bestand hatten.
Andererseits finden sich in
den MfS-Unterlagen über die Reisekader der DDR eine Vielzahl von
Informationen über die Art und Weise ihrer Überwachung und Kontrolle durch
westliche Geheimdienste bei Aufenthalten in westlichen Ländern, von schikanösen
Grenzkontrollen über Observationshandlungen, konspirative Untersuchung von
Hotelzimmern bis zu vielfältigen Werbungsversuchen. Vielleicht ist hier ein
Grund zu sehen, daß Reisekaderakten bisher noch nicht durch die Medien gingen.
Der für die westlichen
Geheimdienste stark eingeschränkte Zugriff auf wirtschaftliche Informationen
mittels lebender Quellen wurde durch die weitere Perfektionierung der
Funküberwachung des Territoriums der DDR mehr als ausgeglichen.
Die funktelegrafische
Berichterstattung der Kombinate, des Staats- und Parteiapparates
gegenüber dem Apparat des Zentralkomitees der SED über den Stand der
Planerfüllung,
Materialengpässe, Störungen usw. lieferte den Geheimdiensten tagesaktuelle
wirtschaftliche Informationen "frei Haus". Dieses
Informationsaufkommen wäre mit den klassischen Mitteln der Spionage nie
erreichbar gewesen. Trotzdem blieb die Quelle »Mensch« nach wie vor das
wichtigste
Mittel, wenn es darum ging, geheimzuhaltende Informationen von strategischer
Bedeutung zu erhalten.
Vertreter von westlichen
Unternehmen versuchten
DDR-Bürger zu
korrumpieren
Wenn eingangs von mir gesagt
wurde, daß die wirtschaftlichen Beziehungen vorrangig zum Träger der gegen die
DDR gerichteten geheimdienstlichen Aktivitäten wurden, muß im gleichen
Atemzuge auch gesagt werden, daß nicht wenige Mitarbeiter großer
Wirtschaftsunternehmen, Handels- und Bankvertreter aus westlichen Ländern die
ihnen bevorzugt zugängliche Öffnung der DDR zu breitgefächerten kriminellen
Angriffen gegen die Volkswirtschaft der DDR nutzten.
Im Rahmen dieser Angriffe wurde versucht, vorwiegend Mitarbeiter von DDRAußenhandelsunternehmen und Industriebetrieben zu korrumpieren und sie zu Interessenvertretern westlicher Unternehmen zu machen Diese Aktivitäten der westlichen Unternehmen hießen im MfS-Sprachgebrauch "wirtschaftliche Störtätigkeit", die Interessenvertreter »Personelle Stützpunkte« und die Erlangung von Informationen »Abschöpfung«.
Diese Begriffe waren
strafrechtlich nicht definiert. Eine strafrechtliche Verfolgung von Personen,
die auf dem Gebiet der "wirtschaftlichen Störtätigkeit" in
Erscheinung
traten, konnte erst dann erfolgen, wenn ein konkreter Tatbestand des StGB
erfüllt war. Im wesentlichen handelte es sich dabei um die Straftatbestände des
5. Kapitels des StGB der DDR, das am 1 Juli 1968 in Kraft trat. Mit ihm wurden
die Rechtsgrundlagen geschaffen, "Straftaten gegen das sozialistische
Eigentum und die
Volkswirtschaft", wie
sie sich unter den neuen Lagebedingungen herausgebildet hatten, mit
strafrechtlichen Mitteln zu bekämpfen. Eine weitere, wenn auch in weit
geringerem Maße in Anwendung gebrachte Rechtsgrundlage war das 1956
verabschiedete
Devisengesetz und dessen am 1. Februar 1974 in Kraft gesetzte Neufassung.
Der dritte Zeitabschnitt:
Mitte der siebziger Jahre bis zum Zusammenbruch der DDR
Spätestens Mitte der
siebziger Jahre war erkennbar, daß die von Honecker und Mittag betriebene
Wirtschaftspolitik zum Untergang der Volkswirtschaft der DDR führen wird. Man
sollte beiden, die sich heute nicht mehr verantworten können, zumindest
bescheinigen, daß sie utopischen Vorstellungen nachhingen.
Ich gehöre nicht zu denen,
die Mittag vorsätzliches Handeln vorwerfen, um die DDR zu ruinieren. Die das
heute behaupten, haben bis 1989 mit wenigen Ausnahmen Mittag bedingungslos
gedient und seine Phantastereien unwidersprochen hingenommen, obwohl sie
wussten, daß die objektiven Möglichkeiten der Volkswirtschaft einerseits und
die Wunschvorstellungen von ihm und Honecker andererseits immer mehr
auseinander drifteten. Von der eigenen Unfehlbarkeit überzeugt wurden negative
Folgen der Wirtschaftsführung auf die Unfähigkeit leitender
Wirtschaftsfunktionäre
und häufig auf feindliche Aktivitäten zurückgeführt, für deren "vorbeugende
Verhinderung" das MfS verantwortlich gemacht wurde.
In diese Zeit fällt auch die
utopische Vorstellung, die nicht nur in den Parteimateriaien der SED
veröffentlicht wurde, daß die Wirtschaftskrisen des kapitalistischen
Weltmarktes - Stichworte Öl, Finanzen, Preise - keinen Einfluß auf
die sozialistische Volkswirtschaft haben können.
Die Lage in der
Volkswirtschaft wurde zusätzlich kompliziert durch die von Mittag beförderte
Entwicklung einer »2 Volkswirtschaft der DDR« in Gestalt des Bereiches
"Kommerzielle Koordinierung" unter Leitung von Staatssekretär
Alexander Schalck-Golodkowski. Es gelang nicht, die durch die staatlichen
Pläne geleitete Wirtschaft sinnvoll mit der "freihändlerischen
Tätigkeit" des Bereiches Kommerzielle Koordinierung zu verbinden. Das
Gegenteil war der Fall. Zwischen beiden Volkswirtschaften entstanden
Konkurrenzbedingungen mit klaren Vorteilen für den von Mittag favorisierten
Bereich Kommerzielle Koordinierung. Damit verbunden war eine Demontage der durch
objektive Faktoren stark eingegrenzten Funktionsfähigkeit der zentralen
staatlichen Planung und der Autorität des Vorsitzenden der Staatlichen
Plankommission, Gerhard Schürer, der bis zuletzt versuchte, den
wirtschaftlichen Bankrott der DDR zu verhindern.
Unsere Informationstätigkeit hatte nicht die erhoffte Wirkung
Im gesamten Zeitraum wurden von der Hauptabteilung XVIII mehr als 500 Informationen für die Parteiführung erarbeitet, um auf die tatsächliche Lage in der Volkswirtschaft hinzuweisen. Die vermutlich letzte umfassende Information zur Lage der Volkswirtschaft wurde meines Wissens Ende Oktober 1989 durch die Hauptabteilung XVIII erarbeitet. Sie warnte vor den Folgen "der unmittelbar bevorstehenden Zahlungsunfähigkeit".
Bereits 1980 wurde eine
Information dieser Art fertiggestellt und darin prognostiziert, daß bei einer
Fortsetzung der von Mittag betriebenen Wirtschaftspolitik der wirtschaftliche Zusammenbruch unausbleiblich ist. Die Verschuldung
gegenüber dem Nichtsozialistischen Wirtschafts-Gebiet (NSW) hatte zu
diesem Zeitpunkt die 20 Mrd. Grenze überschritten. Da ich Mitautor dieser
Information war, weiß ich, daß selbst die Führung des eigenen Hauses Zweifel an
dieser Aussage hatte.
Natürlich wurden nicht nur
Informationen mit diesem umfassenden Charakter erarbeitet. So gab es
Informationen über
· den technischen Zustand der chemischen Industrie,
· die angespannte Lage in der Energiewirtschaft,
· schwerwiegende Mängel in der Ersatzteilversorgung für landwirtschaftliche Maschinen,
· den technischen Zustand der Schlacht und
Kühlhäuser,
· Defizite bei der Bekämpfung von Tierseuchen,
· Engpässe in der Bevölkerungsversorgung, u.a. bei
der Ersatzteilversorgung von Pkw.
Die Themenbreite ließe sich
weiter fortsetzen Ich wollte nur beispielhaft darstellen, worüber informiert
wurde. Diese Informationstätigkeit erfuhr eine völlig unterschiedliche
Bewertung: Für Honecker waren die Informationen "schlimmer als in der
Westpresse", während Gerhard Schürer meinte, daß die Leute in der
Hauptabteilung
XVIII »im Schnitt ihr Handwerk vestanden. Was sie zur Krise der DDR-Ökonomie
zu sagen hatten, war hart an der Grenze zur Wirklichkeit. «
Neue Schwerpunkte zur
Sicherung der Volkswirtschaft
Spätestens Ende der
siebziger Jahre wurde klar, daß unter den spezifischen Entwicklungsbedingungen
und den Mitteln und Methoden zur Führung der Volkswirtschaft der DDR, diese mit
dem althergebrachten geheimdienstlichen Instrumentarium nicht mehr zu sichern
war. In einer von Mielke erlassenen Dienstauweisung Nr. 1/82 wurden die
Schwerpunkte zur Sicherung der Volkswirtschaft wie folgt bestimmt:
1. Aufdeckung und Abwehr gegnerischer und schwerer
krimineller Angriffe gegen die Volkswirtschaft.
2. Vorbeugende und schadensverhütende Maßnahmen zur
Gewährleistung eines störungsfreien Verlaufs des Reproduktionsprozesses.
3. Stabilisierung bedeutsamer volkswirtschaftlicher
Prozesse und Vorhaben.
Bei diesen Hauptinhalten zur
Sicherung der Volkswirtschaft war nur noch im ersten Schwerpunkt erkennbar, daß
es sich hier um die Aufgabenstellung eines Abwehrorgans handelt. Die beiden
letztgenannten Schwerpunkte waren nur im zumeist vertrauensvollen
Zusammenwirken mit leitenden Wirtschaftsfunktionären zu verwirklichen. Zu den
meisten dieser Wirtschaftsfunktionäre stand das zuständige Abwehrorgan nicht
im Interessenwiderspruch; vielmehr war das Zusammenwirken durch weitgehende
Interessenübereinstimmung charakterisiert.
Ich darf ohne Übertreibung
sagen, daß wir zu gesuchten Ansprechpartnern vieler Funktionäre wurden, die zu
uns mehr Vertrauen hatten als zu manchen Mitgliedern der Parteiführung oder
des Parteiapparates. Sie hofften, daß ihre Bedenken gegen die
Wirtschaftspolitik, ihre Feststellungen über Mißstände in der Volkswirtschaft
auf dem "geheimen Kanal" der MfS-lnformationen die
Parteispitze erreichen würden, ohne Gefahr der persönlichen Diffamierung. Es
gab ausreichend Beispiele dafür, daß die Darstellung der realen Situation als
Haltung gegen die Parteibeschlüsse ausgelegt wurde; nicht selten war die Ablösung
von der Funktion das Ergebnis für das Bemühen, die Wahrheit zu sagen und sich
den Realitäten zu stellen.
Ich will kein Verständnis
für die Mitarbeiter der Hauptabteilung XVIII erheischen. Tatsache ist, daß sie
durch die Kenntnis der Lage in der Volkswirtschaft bzw. auf bestimmten
Teilgebieten, für die sie zuständig waren, zunehmend in Konflikt mit der
offiziellen Parteipropaganda gerieten.
Grundlegende Wandlung der Struktur und der Aufgaben des IM-Netzes
Seit Beginn der achtziger
Jahre bestand die Haupttätigkeit der Mitarbeiter der Hauptabteilung XVIII in
der Auseinandersetzung mit volkswirtschaftlichen Problemen, nicht in der
Aufklärung und Abwehr gegnerischer und krimineller Angriffe gegen die
Volkswirtschaft. Die Objektivität gebietet es, darauf hinzuweisen, daß es in
nicht wenigen Fällen gelang, die notwendigen Impulse zu geben, um Mißstände zu
beseitigen, Schäden vorbeugend zu verhindern und zumindest für einen
begrenzten Zeitraum volkswirtschaftliche Prozesse und Vorhaben zu stabilisieren.
Die Zusammenarbeit mit den
inoffiziellen Mitarbeitern war entsprechend den sich verändernden Bedingungen
von den Prioritäten der zu lösenden Aufgaben bestimmt. Waren es bis Mitte der
sechziger Jahre hauptsächlich IM, die in die Bearbeitung von verdächtigten
Personen eingeführt werden konnten und die in der Lage waren, zu ihnen
vertrauliche Beziehungen herzustellen, wandelte sich die Struktur des IM-Netzes
und das Informationsaufkommen der Hauptabteilung XVIII bis zum Zusammenbruch
der DDR grundlegend.
Sprunghaft stieg die Zahl
der IM, die über die Lage in der Volkswirtschaft sachkundig informieren
konnten. In der überwiegenden Mehrzahl waren das Personen, die aus einer
inneren Grundüberzeugung heraus, etwas für die Stärkung der DDR zu tun, freiwillig
mit dem MfS zusammenarbeiteten, um durch Informationen über Mißstände in der
Volkswirtschaft Einfluß auf Entscheidungen mit dem Ziel von Veränderungen zu
nehmen. Und es ist auch nicht zu bestreiten, daß der Inhalt dieser inoffiziell
erarbeiteten Informationen weitgehend die Interessen, aber auch die Sorgen
großer Teile der DDR-Bevölkerung widerspiegelte.
Die Stimmung der Bevölkerung
war 1989 die sicherheitspolitische Dominante
Ich hatte bereits an anderer
Stelle gesagt, daß die Stimmung der Bevölkerung in diesem Zeitraum immer
stärker sicherheitspolitisches Gewicht erlangte, im Jahre 1989 meines
Erachtens die sicherheitspolitische Dominante war. Soweit es die Volkswirtschaft
betraf, lag die Hauptursache im Unverständnis von Werktätigen über die sich
häufenden Fehlentscheidungen in der Wirtschaftsführung, die sich in letzter
Konsequenz
bis zum letzten Arbeitsplatz auswirkten.
Aus dem Unverständnis
entwickelte sich Widerspruch gegen eine unfähige Führung und der von ihr
verursachten irreparablen Mißstände Darin bestand auch ein wesentlicher Inhalt
der Berichte der IM; es gab in weiten Teilen der Bevölkerung Sorgen um die
weitere Existenz der DDR und nicht das Bestreben, die DDR zu liquidieren.
Über diese wesentliche Seite
der Tätigkeit der IM, in anonymer Interessengleichheit mit großen Teilen der
Bevölkerung Mißstände in der Volkswirtschaft aufzudecken und einen Beitrag zu
ihrer Überwindung zu leisten, ist in den Veröffentlichungen der Gauck-Behörde
nichts zu finden. IM wurde zum Synonym für Bespitzelung, Nötigung, Erpressung
und Verrat. Mit solchen festgelegten Klischees - herausgelöst aus allen
gesellschaftlichen Zusammenhängen - ist eine sogenannte Aufarbeitung der
IMTätigkeit nach objektiven Gesichtspunkten nicht möglich.
Im Interesse vieler betroffener Menschen bleibt zu hoffen, daß im Umgang mit ehemaligen IM, sobald es nur geht, sachgerechte Kriterien Anwendung finden. Ich weiß, daß das ein komplizierter Prozeß ist, weil es nicht wenige ehemalige DDR-Bürger gibt, die aus unterschiedlichen Gründen zu einer solchen differenzierten Betrachtungsweise nicht bereit sind. Meiner Meinung nach kann auch unsere heutige Diskussion, unser "Zwie-Gespräch" dazu dienen, auf diesem sehr schwierigen Feld zumindest gegensätzliche Standpunkte hierzu sachlich zu erörtern.