Zwie-Gespräch Nr. 31 (1995), Seite 22 - 29
Wolfgang Hartmann
Nachdenken
über den Umgang mit der Geschichte des
MfS
(Diskussionsbeitrag für die Historische
Konferenz der PDS im November 1995)
Mir wäre wohler, hätte das
Thema lauten können: "Ergebnisse
und Schwierigkeiten mit der eigenen Geschichte".
Beginnen wir zuerst mit der
Betrachtung der Oberfläche. Die äußere und die innere Sicherheitspolitik der
SED bzw. der DDR sind berechtigt ein
Hauptfeld der kritischen Aneignung der DDR-Geschichte. Mit ihnen, vor allem mit
der inneren Sicherheitspolitik, und
mit dem MfS als dem für sie wichtigsten staatlichen Apparat, befaßt sich eine
Springflut von Büchern, Zeitschriften- und Presseartikeln, Rundfunk- und
Fernsehsendungen. Eine Flut immer noch, wenn wir die Funkmedien und die
gedruckten Sensationsmedien nicht zählen. Sie sind zwar ein ernstzunehmender
Faktor der Meinungsbildung, auch der Massenmanipulation, aber kaum ein
Medium nachdenklicher Geschichtsarbeit. Allerdings wird ihr Handwerk,
welches oft genug mit politischem und mit profitorientiertem Kalkül dem
Motto "Alles darf falsch sein, nur die Namen müssen stimmen"
folgt, durch unsere eigenen Versäumnisse in der Gechichtsarbeit sehr
erleichtert.[1]
Fragen wir nun nach den
Autoren gedruckter Publikationen, offenbart sich ein nachdenkenswerter
Befund: Unter Dutzenden Buchveröffentlichungen über das MfS finden wir nur
sieben Bücher, deren Autoren Mitarbeiter des MfS waren[2].
Bei der seriösen Zeitschriftenliteratur sieht es ähnlich aus. Die Zahl der
früheren Mitarbeiter des MfS, die mehrfach oder auch nur einmal mit
Publikationen zum Thema in Zeitschriften oder Aufsatzsammlungen hervorgetreten
sind, ist unter 20 zu beziffern[3].
In der Tagespresse finden sich zur Thematik selten Artikel oder Leserbriefe
von MfS-Mitarbeitern, wiederum konzentriert auf wenige Namen. In Berlin
erscheint die kirchlich geförderte Zeitschrift "Zwie Gespräch - Beiträge
zur Aufarbeitung der MfS-Vergangenheit". Sie ist ein sachliches und
dialogorientiertes Medium und steht den früheren Mitarbeitern des MfS
offen. Bisher wurde jeder eingereichte Beitrag veröfentlicht. Die
Zeitschrift ist als Informationsquelle für andere Medien ein Multiplikator
- und deshalb zusätzlich wichtig. Aber wie wird sie genutzt? Nur wenige frühere
MfS-Mitarbeiter sind Abonnenten[4]
oder nehmen sie als Autoren in Anspruch, meist aus Kreisen des Insiderkomitees.
Erkundigungen bei anderen seriösen linken Medien über eingereichte Beiträge
ergeben Fehlanzeige. Reaktionen auf Veröffentlichungen Dritter sind selten.
Diese Abstinenz der früheren MfS-Mitarbeiter steht in einem schroffen Gegensatz
zu den Klagen, es gäbe angeblich keine Medien, in denen sich MfS-Leute
unverfälscht
äußern könnten[5].
Ist dieser Befund nicht
schon für sich genommen eine Aussage? Denn unter den zuletzt 85000
hauptamtlichen Mitarbeitern des MfS und den Tausenden früheren "Verantwortungsträgern"
sollte doch kein geringes Potential von Autoren enthalten sein. Haben sie
nichts mehr zu sagen? Lassen sie sich das Wort verbieten? Oder sind sie einfach
nur verstummt?
Dieser Blick auf die
Oberfläche
deutet auf die Schwierigkeiten des Umgangs mit der eigenen Geschichtswahrheit hin.
Ist schon das quantitative
Bild so trist, wird der Befund noch befremdlicher, setzt man ihn ins Verhältnis
zum früher vertretenen Selbstbild. Haben wir einstigen Revolutionäre so
resigniert?
Sind wir so verschüchtert, daß wir sogar den Kampf mit dem Wort, mit
objektiver Beschreibung, mit nachdenklicher historischer Analyse, mit - wo
notwendig - Rechtfertigung und Verteidigung aufgegeben haben? Wird damit das
Wort den - oftmals gar nicht "wohlwollenden" - Außenseitern
überlassen?
Diese "Außenseiter" haben verständliche Schwierigkeiten mit der
inneren
Logik von Geheimdiensten - auch wenn sie "wohlwollend" sind. Und
selbst die "Wohlwollenden" werden, solange sie vielfach auf die
Black-box-Methode der Erforschung des MfS angewiesen sind, hilflos Irrtümern
überlassen. Ein Irrtum - nicht nur von historichen Laien - ist der
Irrglaube, Aktenlesen allein ergäbe verbürgte Kenntnis.
Es gibt keinen einheitlichen
Nenner für diesen Befund. Viele Ursachen wirken zusammen, wir wollen einige
nennen und kritisch erörtern:
1.
Das MfS war als Geheimdienst
organisiert. Alle Diensteinheiten waren geheimdienstüblicher Konspiration
unterworfen. Zwischen den Arbeitsrichtungen (Linien) und innerhalb der
Linien bewirkte die konspirative Abschottung weitere Einengungen des
Blickfeldes. Jeder Mitarbeiter durfte - im strengen MfS-Verständnis von
Konspiration
- nur so viel wissen, wie für seine eigene unmittelbare Arbeit als notwendig
erachtet wurde. Nur wenige Persönlichkeiten der Leitung des MfS besaßen
einen Gesamtüberblick zu seiner Tätigkeit. Daher sind nur wenige Personen in
der Lage, ihre Kompetenz für komplexe
Darstellungen und Analysen auch auf
eigenes Wissen und eigene Erfahrung stützen zu können. Erschwerend ist für
frühere MfS-Mitarbeiter die bestehende Unzugänglichkeit zu den erhaltenen gebliebenen
Dokumenten ihrer Arbeit (die sog. Sachakten).
Insoweit bestehen also
Schwierigkeiten. Dennoch haben sie keinen absoluten Charakter.
Denn erstens haben viele der langjährigen Mitarbeiter durch ihre
funktionalen Einblicke und ihre Laufbahnwege ein erhebliches Wissen
akkumuliert. Dieses ermöglichte ihnen aus der Erinnerung zumindest für
Teilbereiche subjektive Darstellungen und objektivierende Analysen. Und sie
kennen die "Geheimdienst-Logik", deren Vermittlung oft Bedingung für
richtige Einordnung, Verstehen und für Bewertung ist.
Zweitens: Die Schwierigkeiten sind auch deshalb nur relativ, weil in
Fallstudien Einzelnes und Besonders beschrieben und analysiert und so dem
Allgemeinen auf die Spur gekommen werden kann. Das gilt insbesondere für
politische Zusammenhänge.
Niemand - auch nicht heute
"enthaltsame" frühere MfS-Mitarbeiter! - sollte Bemühungen
herabsetzen dürfen, innerhalb der kenntlich zu machenden bestehenden Grenzen
Geschichtsarbeit zu leisten. Es liegt auf der Hand, daß die Erwartungen um
so höher gesteckt werden dürfen, je höher das Dienstalter (also die
persönliche
Erfahrungszeit), die Dienststellung und Verantwortung (also die funktionale
Kenntnis und Kompetenz) waren.
2.
Als Hindernis für eine
lebhafte öffentliche Teilnahme an der Geschichtsarbeit wird die Strafverfolgung
genannt. Ein ernstes Argument. Denn es gibt willkürlichen Umgang mit
Beweismitteln
und mit gesetzlichen Rechtfertigungsgründen, auch verfassungs- und
völkerrechtswidrige Strafverfolgungen, z.B. Verstöße gegen das
Rückwirkungsverbot[6].
Wer als persönlich
beteiligt Gewesener an der Geschichtsarbeit teilnimmt, hat schon zu
berücksichtigen,
daß ihm nicht nur von interessierten Medien sein Wort im Munde herumgedreht
wird, sondern auch - und sei es nur durch manipulierende Interpretation - als
"Beweismittel" vor Gericht gegen ihn verwandt werden könnte.
Entgegen dem Legitimationsargument der Siegerjustiz, sie diene der Geschichtsaufarbeitung
(statt der Verfolgung strafbedrohter Handlungen!), sind hier zweifellos Grenzen gesetzt. Doch auch sie sind keine
absoluten. Denn es gibt viele wichtige Themen, die zweifelsfrei strafrechtlich
nicht relevant sind. Außerdem sind abstrahierende Darstellungsformen möglich,
die gleichwohl konkretem historischen Bericht und Analyse keinen Abbruch tun.
Ferner: die Bearbeitung von
Anklagematerialien erfordert gewiß viel Zeit der davon Betroffenen. Aber sie
könnte doch auch für die gleichzeitige historische
(und politische) Publizistik verwertet werden! Und: Ist - in politischer
Sicht - außer Kraft, was doch früher zum politischen ABC gehörte, daß nämlich
der "Kampf gegen Klassenjustiz" vor
allem politisch zu führen sei?
3.
Ein Komplex ernsthafter
Gründe für die geringe aktive Teilnahme an der Geschichtsarbeit ist in
sozialen Existenzbedingungen, vor allem
der noch jüngeren der früheren Mitarbeiter, zu suchen[7].
Diese sind am unbefangensten und am ehesten einer kritischen Aufarbeitung
zugetan.
Sie hatten nicht selten bereits in DDR-Zeiten zu kritischen Positionen
gefunden. Wenn es ihnen endlich (nach oftmals diskriminierender Ausgrenzung) gelungen ist, eine
existenzsichernde
Arbeit zu finden, dann fast regelmäßig eine, die ihnen, um in der Konkurrenz
bestehen zu können, eine tägliche Arbeitsintensität und -zeit bis zur
physischen Erschöpfung abverlangt. Nicht selten die Auskunft, daß der
Arbeitgeber sich an der ihm bekannten MfS-Vergangenheit keineswegs stört,
aber zur strikten Bedingung (und zum Kündigungsgrund) macht, daß der
Mitarbeiter
sich in keiner Weise öffentlich als "Ehemaliger" zu erkennen gibt.
Bestenfalls darf er sich allgemein und unauffällig politisch betätigen.
Auch wenn man solche existentiellen Ausnahmebedingungen zur Kenntnis nimmt,
bleibt dennoch enttäuschend, wie geringfügig aus dieser Gruppe wenigstens
kleine Beiträge, vielleicht auch pseudonyme, kommen, um mit Mosaiksteinen zur
Geschichtsarbeit beizutragen.
Auch die sozialen
Schwierigkeiten sind nicht absolut. Deshalb die kritische Anfrage an die große Gruppe jener früheren
Mitarbeiter,
welche entweder im Rentenalter bzw. im Vorruhestand sind, oder die wegen ihres
Lebensalters kaum noch eine berufliche Arbeit finden und Langzeitarbeitslose
sind. Aus Generationsgründen gehören zu ihr viele, die auf mittlerer und
oberer Ebene Verantwortungsträger waren. Was hindert sie, ihre oft
unfreiwillige
Freizeit zu nutzen, sich über ihr eigenes Leben Rechenschaft zu geben und
nach Kräften, mit ihrem besten Wissen und Vermögen öffentliche Geschichtsarbeit zu leisten? Eine Arbeit, die ja
nicht nur rückwärts blickend ist, sondern eine hohe politische Bedeutung besitzt,
damit die aus der DDR hervorgegangene politische Linke ihrer eigenen Geschichte,
ihrem Herkommen in Marx' kritischem Sinne lernend Herr werden kann.
Die Rechtfertigung, man sei kein Mann der Feder, ist
ärgerlich. Das waren die alten sozialistischen und kommunistischen Genossen
auch nicht, die mit ihren Memoiren, anderen Formen von Lebensberichten oder mit
Sachpublikationen Geschichtsarbeit leisteten.
Und sie waren viel weniger mit der Feder vertraut, als diejenigen, welche
als Verantwortliche im MfS doch geübte Verfasser von Berichten und Analysen
waren.
Sehr erschwerend wirkt nach, daß es im MfS - wie
wohl auch in anderen politischen Apparaten in der DDR - an tatsächlicher
Wissenschaftlichkeit und an einer werbenden, argumentativen, nachdenklichen
Kultur der Öffentlichkeitsarbeit fehlte. Die Linke braucht diese Kultur -
also muß man sie durchs Tun erlernen. Mit Brecht: "Die Wahrheit muß der
Folgerungen wegen gesagt werden, die sich aus ihr für das Verhalten
ergeben."[8] Deshalb zählt letztlich nur, was öffentlich
wird.
4.
Wir haben zu den
Schwierigkeiten und Grenzen der Geschichtsarbeit stets angefügt, daß sie
nicht absolut sind. Weshalb dennoch die so magere Bilanz? Weshalb dennoch die
Tatsache, daß das "weite Feld" fast nur "anderen"
überlassen
ist?
Weitere Teilantworten fügen
sich mit den genannten zu einem Ganzen: Offenkundig hat ein nicht unerheblicher
Teil der früheren Mitarbeiter des MfS sein früheres Selbstverständnis
abgelegt
und sich in unpolitische Nischen der Enthaltsamkeit und des Zuschauens
zurückgezogen.
Zur Erklärung darf man zweierlei annehmen:
Einesteils hat bei vielen das
als persönliche Niederlage empfundene Scheitern des ersten
Sozialismusversuchs zu einer erheblichen Verwirrung und Lähmung geührt.
Ihnen scheinen die Ideale zerstört und nicht die (oft selbstgefertigten)
Idealisierungen und Illusionen. Daher sei, scheint manchen, das ganze eigene
Leben "sinnlos" gewesen. Persönlicher Lebenssinn wird unhistorisch
(und im Grunde individualistisch) an das eigene Erlebnis eines finalen,
jedenfalls "gesetzmäßig" gesicherten Erfolgs gebunden. Als ob
historische Kämpfe keine Niederlagen kennen und als ob die Fähigkeit, mit
Niederlagen fertig zu werden, auch durch selbstkritisches Lernen, nicht eine
Voraussetzung für geduldiges, sich nicht erschöpfendes Streben nach
Fortschritt ist.
Andererseits - setzt man den
Vorgang in das Verhältnis zum Pathos früheren revolutionären Selbstanspruchs,
zu früheren Formeln über die "Härte des Klassenkampfes", über
persönliche Opferbereitschaft "in jeder Lage" etc. - ist zu
vermuten, daß solcher Selbstanspruch vielen doch nur eine phrasenhafte
Hülle und nicht eine verinnerlichte Lebenshaltung gewesen sein mag. Untauglich
deshalb, sich heute in der tatsächlichen Härte der Auseinandersetzungen und
sozialer Bedingungen zu bewähren.
Ein weiteres Moment - neben
"Trotzigkeit" - ist, daß bei
nicht wenigen früheren Mitarbeitern alte Vorstellungen, buchstäblich
"altes Denken", sowie Attitüden der Machtarroganz noch immer
fortwirken.
Ich meine damit eine
Intoleranz, die sich im Fehlen
von Dialogwilligkeit und
wirklicher Argumentationsbereitschaft,
von Nachdenklichkeit und
von Sensibilität für fremde
Erfahrungen,
für die (subjektive) Sicht
anderer, auch für deren Kritik an uns,
daher auch im Meiden des
öffentlichen Diskurses,
ausdrückt.
Und ist mit dem Ruf nach
"Objektivität" nicht eine Privilegierung nur der eigenen Wahrnehmungen und Wertungen gemeint?
Nachdem es heute keine mit
Disziplin auferlegte und mit Selbstdisziplin angenommene - und
"Halt" gebende - Dogmengläubigkeit mehr gibt, folgt daraus eine
Unfähigkeit (oder auch Hilflosigkeit), sich "neben sich zu stellen"
und kritisch lernend auf früheres
eigenes Denken und Tun zu blicken, sowie - um ein Wort Johannes R. Bechers
aufzugreifen, welches er auf das Begreifen der faschistischen Katastrophe
gerichtet
hatte - den "Gewinn der Niederlage" zu erschließen. Nicht
Selbstkasteiung ist verlangt - sondern Lernen! Für uns und für die "Urenkel"!
Die Alternative Enquête-Kommission hatte in
einer ersten Anhörung zunächst einen Überblick über "Geheimdienste in
Deutschland nach 1945" erörtert. Dann in einer zweiten sich speziell der
"Spionage und Gegenspionage im geteilten Deutschland" zugewandt[9].
Auf Vorschlag Wolfgang Harichs, des damaligen Vorsitzenden der Alternativen
Enquête-Kommission, sollte sich eine dritte Geheimdienst-Anhörung mit den
inneren Funktionen des MfS befassen und eine authentische Darstellung der
"Innenansicht" ermöglichen. Sie kam nicht mehr zustande - obwohl
unter Mitwirkung vieler viel zu ihrer Vorbereitung geschehen war. Es zeigte
sich - unter dem Strich - bei dem beteiligten Kreis eine enorme Schwierigkeit,
die eigene Geschichte nicht apologetisch, sondern mit kritischer Distanz, ohne
beschönigende Selektion historischer Tatbestände, gravierender
Fehleinschätzungen
und -handlungen sowie anderer Probleme zu beschreiben und zu analysieren.
Diese Schwierigkeiten gehen über Interpretations- und Wertungsunterschiede
hinaus, wie sie bei komplizierten Gegenständen völlig normal sind.
Die Schwierigkeiten
betreffen m.E. insbesondere drei Hauptpunkte:
Erstens ein aus der Befangenheit gelöstes Nachdenken über das innenpolitische
Sicherheitsverständnis und die im Ansatz falschen konzeptionellen und
strukturellen Regelungen, welche dem Geheimdienst MfS innenpolitisch
regulierende Ersatzfunktionen zuwiesen. Die politische Austragung von gesellschaftlichen Konflikten und
ideologischen Differenzen, der "Stoffwechsel" der politischer
Meinungsbildung und Entscheidungen, waren in der DDR und in der SED, darunter
auch innerhalb der SED-Grundorganisationen im MfS, nicht oder völlig unzureichend
demokratisch verfaßt. Wirklich demokratische Prozeduren waren ersetzt durch
extrem zentralisierte Meinungsbildung und Entscheidungsfindung, sowie eine
vorwiegend administrative, eine verordnende und kaum werbende Durchsetzung.
Wirkliche demokratische gesellschaftliche Kontrolle war weitgehend durch
administrative ersetzt. Ein Feld für das MfS, welches - als Geheimdienst!
- sogar "Feuerwehrfunktionen"
zur akuten operativen Regelung ökonomischer u.a. Schwierigkeiten wahrzunehmen
hatte.
Zweitens: Dies mußte Folgen für die Organisation, für das Selbstverständnis und
die omnipotente Macht des MfS haben (z.B. durch die Zusammenfassung
geheimdienstlicher, polizeilicher, rechtspflegerischer und vieler anderer in
ausgeweitetem
Sinne sicherheitsrelevanter Funktionen). Zwangsläufig entstand so ein
günstiger
Boden für willkürliche subjektivistische Beurteilungen gesellschaftlicher
Erscheinungen, zugleich auch für die Uneffizienz und Folgenlosigkeit administrativ vermittelter
richtiger Erkenntnisse über die
innere Lage der DDR. Aus der weitgehenden Beseitigung öffentlicher
demokratischer Prozeduren, sowie den Fehlbewertungen folgte eine entsprechende
Repressionspraxis. Deshalb ist konkrete
kritische "Rückfrage" notwendig zu früheren Bewertungen von
gesellschaftlichen und politischen Vorgängen als "oppositionell" und
von Personen als "feindlich-negativ", mit daraus folgenden
Repressionsmaßnahmen, die sich, vielfach sogar nicht erst heute, als
offenkundig falsch oder als politisch,
rechtlich und ethisch unverhältnismäßig zeigten und zeigen. Durch solche eigene Rückfrage würde andererseits
glaubhaft deutlicher, welche tatsächliche
Feindlichkeit gegen den legitimen Versuch einer antifaschistischen und
sozialistischen Alternative in Deutschland am Werke und deren Verfolgung eine legitime und legale Funktion des MfS war.
Drittens: Bisher ist (außer in pauschalen Feststellungen) kaum aufgehellt, wie
die MfS-Leute sich und der Öffentlichkeit eigentlich die ungeheure Kluft
erklären, welche sich zwischen dem "Selbstbild" des MfS und seiner
Mitarbeiter und dem "Fremdbild" über das MfS und seine Mitarbeiter entwickelt hat. Während einerseits das
MfS sich tatsächlich auf eine breite Basis freiwilliger
und überzeugter Mitarbeit stützen
konnte, die ein Indikator für Akzeptanz
ist, steht auf der anderen Seite - vorsichtig formuliert - das breite Spektrum
des MfS-Bildes im Volke von Distanziertheit bis hin zur schroffen Ablehnung
und auch Hass. Diese Kluft in alter selbstgerechter Manier undialektisch und
verkürzt mit "feindlicher" Einwirkung (der psychologischen Kriegführung,
der Medienmanipulation), mit Wende-Opportunismus und mit der
"Wendewut" (Gaus) erklären und abtun zu wollen, ist nicht möglich.
Allein deshalb, weil es den "eigenen Anteil" ausblendete. Die
Aufhellung
dieser Kluft ist eine erstrangige Aufgabe, um Ehrlichkeit vor sich selbst und
vor dem Volk zu gewinnen.
Das "Insiderkomitee zur
Aufarbeitung der Geschichte des MfS e.V.", dem ich angehöre, vertritt
die Ansicht, daß ein gewisser Mindeststandard kritischer Aneignung der MfS-Geschichte
angeboten werden muß. Die unkritische Apologie besitzt keinen Erkenntniswert.
Auf diesen aber kommt es an. Und niemand sollte sich bei der Suche nach
Erkenntnis und Bewertung auf das Befehlssystem, auf eine "Gnade der
späten Geburt" oder auf eine "Gnade arbeitsteiliger bürokratischer
eigener Unzuständigkeit" berufen.
Soweit skizziert ein Befund. Unrealistische Hoffnungen haben keinen Sinn. Nüchtern ist festzuhalten, daß aus dem riesigen Potential des MfS bisher nur wenige Kräfte bereit, sowie in einer persönlichen Lage und Verfaßtheit sind, konzeptionell und - in mühevoller Kärrnerarbeit - wenigstens Teilstückchen zu einem kritischen Geschichtsbild beizutragen. Die dazu bereiten früheren MfS-Mitarbeiter müssen ermuntert werden - auch, indem die PDS Möglichkeiten gibt, in örtlichen Diskussionszirkeln die kritische Selbstverständigung voranzubringen und sie öffentlich zu machen.
Veröffentlicht
in:
Lothar
Bisky, Jochen Cerny, Herbert Meyer, Michael Schumann (Hg.): Die PDS - Herkunft
und Selbstverständnis - Berlin 1996 S. 216 f.;
sowie
in: "Zwie Gespräch", Nr. 31, Berlin 1995, S. 22 f.
[1] Auf künstlerische Versuche,
sich dem MfS-Thema zu nähern, wollen wir wegen ihres Anregungs- und
Erkenntniswertes, insbesondere zu moralischen Fragen, hinweisen. Ihre
Breitenwirkung ist nicht zu unterschätzen. Ich nenne als Beispiele Günter
Grass' "Ein weites Feld",
Erich Loests Roman "Nikolaikirche" und seine Verfilmung durch Frank
Beyer. Ihr Wirklichkeitsgehalt ist nicht unabhängig von bisheriger Aufbereitung
durch Geschichtsschreibung und persönliche Erinnerungen
[2] Günther Bonsack/Herbert
Bremer: Auftrag: Irreführung; Hans Eltgen: Ohne Chancen; Rudolf Nitsche:
Diplomat im besonderen Einsatz; Klaus Rössler/Peter Richter: Wolfs Westspione;
Heinz Günther: Wie Spione gemacht wurden; Josef Schwarz: Bis zum bitteren Ende;
Markus Wolf: In eigenem Auftrag.
Dies
ist eine bloße Aufzählung, ohne Wertung. Auffallend allerdings, daß nur einer
von diesen 7 Titeln nicht aus dem Bereich der HVA kommt.
[3]A. Bachmann, H-J. Bunk, G.
Bergmann, H. Bremer, K. Eichner, W. Großmann, W. Hartmann, B. Kaufmann, W.
Opitz, H. Roigk, W. Schmidt, W. Schwanitz, M. Terpe, M. Wolf, K. Zeiseweis
[4] Das "Zwie
Gespräch" muß zum Jahresende 1995 sein Erscheinen einstellen, weil durch
die geringe Abonnentenzahl die Kosten nicht aufgebracht werden.
[5] Die Zahl der aktiv in öffentlichen Diskussionsveranstaltungen auftretenden früheren MfS-Mitarbeiter kann nicht beziffert werden. Sie dürfte etwas größer sein, als der Kreis eigeninitiativer oder reaktiver Teilnehmer an gedruckten Medien. Zu erwähnen ist die Mitwirkung einiger Mitarbeiter an Interviewbüchern (Karau, Wilkening) und an Fernsehsendungen. Bei diesen freilich selten ohne Verzerrungen und Verfälschungen ihrer Aussagen.
[6] Vgl. dazu ausführlich:
Weißbuch Nr. 5: Unrecht im Rechts-Staat - Strafrecht und Siegerjustiz im
Beitrittsgebiet; Berlin 1995
[7] Das gilt analog für nicht
wenige frühere MfS-Leute im z.T. hohen Rentenalter, die sich angesichts ihrer
Strafrente von 802,- im Monat ohne Rücksicht auf ihr gesundheitliches Vermögen
noch etwas hinzuverdienen müssen - z.B. durch Zeitungsaustragen.
[8] Bertolt Brecht: Fünf
Schwierigkeiten beim Verbreiten der Wahrheit; in: Zur Literatur und Kunst,
Berlin und Weimar 1986, Bd.I, S. 271
[9] "Geheimdienste in
Deutschland nach 1945", 15.12.1993. Protokoll veröffentlicht in: IK-Korr
spezial Nr. 2;
"Duell
im Dunkeln - Spionage und Gegenspionage im geteilten Deutschland",
29.5.1994; Protokoll veröffentlicht in: IK-Korr spezial Nr. 3. Zu beziehen beim
Insiderkomitee zur Aufarbeitung der Geschichte des MfS e.V., Postfach 3, 13017 Berlin gegen Voreinsendung von je DM
5,- plus DM 2,- Porto.