Zwie-Gespräch Nr. 31 (1995), Seite 39 - 42
Brief von Kurt Zeiseweis an Martin Böttger vom 6.11.1995
Sehr geehrter Herr Dr. Böttger,
Ich möchte mich auf diesem Wege noch einmal herzlich für
das aufgeschlossene Gespräch mit Ihnen bedanken.
Es war für mich sehr interessant, zumal meine Erwartung
an diese Unterhaltung voll erfüllt worden ist.
Ich kam unter anderem mit der Absicht, mein Bedauern
über den Fakt Ihrer operativen Bearbeitung durch Mitarbeiter meines
Verantwortungsbereichs wegen vermuteter "Feindtätigkeit gegen die
DDR" zum Ausdruck zu bringen.
Hatte ich in den letzten Jahren der DDR bereits Zweifel
an der Richtigkeit, Ihre politischen Bekenntnisse und Aktivitäten gegen
bestimmte Verhältnisse in unserem Lande
durch das Ministerium für Staatssicherheit bearbeiten zu lassen statt die
politische Auseinandersetzung mit Ihnen und Ihresgleichen zu führen, so
brachten mir meine Erkenntnisse und Erfahrungen im Herbst 1989 und danach die
Gewißheit fehlerhaften Handelns in Ihrem persönlichen Fall und auch in anderen
Fällen, zu denen ich mich bis jetzt noch nicht geäußert habe.
Ich sehe meine eigene Verantwortung darin, daß ich
angesichts der damals erlangten Erkenntnisse zu Ihnen nicht mehr auszurichten
vermochte als die bekannte "gesellschaftliche Betreuung am
Arbeitsplatz".
Über das Gebot, mit der Opposition nicht zu verhandeln,
um sie als solche nicht anerkennen zu müssen - in unserer Auffassung von der sozialistischen Gesellschaft konnte es
aus bekannten Gründen keinen Platz für eine Opposition geben - habe ich mich
nicht hinweggesetzt. Unter anderem aus der Disziplin, daß wir als Angehörige
des MfS uns stets der Politik der SED verpflichtet fühlten und keine eigenen
Schritte zu machen hatten.
Es war ein eherner Grundsatz für uns, in keinem Fall uns
über die Partei stellen zu wollen/dürfen.
Für die Politik der SED-Führung war es natürlich am
bequemsten, die "Staatsfeinde" durch uns "im Zaume zu
halten", statt sich mit ihnen politisch zu streiten.
Im Herbst 1989 hatte ich die illusionäre Vorstellung,
mit jenen Teilen der DDR-Opposition, von denen ich annahm, sie würden einen
demokratischen Weg in einer nicht-kapitalistischen Gesellschaft bevorzugen,
eine bessere DDR gestalten zu können.
Darin sah ich eine große Chance, nämlich ein breites
Bündnis statt unseres Sektierertums zu praktizieren.
Meine diesbezügliche Hoffnung resultierte aus jenem
Umstand, daß meines Wissens in keinem Forderungskatalog "unserer
Opposition" die Restauration kapitalistischer Verhältnisse festgeschrieben
war.
Wenn ich sehe, wie sich einige wenige Vertreter der
DDR-Opposition heute eingerichtet haben, so war es wohl eher Taktik, solche
Forderung nicht formuliert zu haben.
Aber bei einem erheblichen Teil damals Aktiver hielt und
halte ich den Willen zum Verbessern der DDR als Alternative zum westdeutschen
Kapitalismus für gegeben.
Mich würde sehr interessieren, wie Ihre Meinung dazu
ist.
Mit dem 9. November 1989 und dem prompten Einfließen der
D-Mark und bundesdeutscher Politiker in die DDR waren allerdings alle
diesbezüglichen Hoffnungen meinerseits passè.
Große Probleme habe ich mit Begriff und Praxis der
"Demokratie".
Die überlieferte, herkömmliche Auffassung definiert sie
als Ausdruck des Willens einer Mehrheit.
Das impliziert zumeist die Unterdrückung oder das
Nicht-Wahrnehmen von Interessen und Rechten von Minderheiten.
Nun ist dieser Mehrheitswille seit eh und je
manipuliert, seit jeher durch die Herrschenden, bis auf Ausnahmen zumeist von
Kirchen unterstützt.
Ich fürchtete in der DDR stets die Frage nach einer
Entscheidung, ob ost- oder westdeutsche Verhältnisse gewünscht werden.
Die Masse der auf Wohlstand, materiellen Besitz orientierten
Menschen hätte sich für letzteres entschieden, selbst bei Außerachtlassen
unserer Gebrechen.
Da unsere Kommunismus-Auffassung auch noch davon geprägt
war, ein Leben im Überfluß zu versprechen, mußte die überwiegende
Mehrheit unbedarfter Bürger uns für Abenteurer halten.
Gefragt ist in
keinem Fall eine auf Begrenzung materieller Ansprüche, gar auf das
Auskosten ideeller, geistiger Ansprüche fixierte Gesellschaft, sondern das
ständige Gewinnen materieller Werte, ausgenommen einige wenige intellektuelle
Spinner, zu denen ich sowohl Sie als auch mich selbst rechnen könnte.
Ich hoffe, es kränkt Sie nicht, diesbezüglich von mir in
einem Boot plaziert zu werden.
Um auf den Überfluß noch einmal zurückzukommen:
Ich glaube, die Menschheit hat ihn heute schon, es
könnten angesichts erreichter Arbeitsproduktivität alle Menschen satt werden
und wohnen.
So lange aber ein geringerer Teil der Menschheit ein
Mehrfaches der materiellen Güter (Energieverbrauch eingeschlossen) für sich in
Anspruch nimmt, bleibt für den übergroßen Rest der Menschheit nur der Teil
unter dem Bruchstrich übrig.
Insofern bleibt die Frage offen, wie das einmal gelöst
werden könnte, denn es muß wohl gelöst werden.
Die Ärmeren werden für sich den gleichen Reichtum
einfordern.
Ob allerdings menschliches Leben mit dem Maßstab der
entwickelten Industrieländer für alle
möglich sein wird, wage ich zu
bezweifeln.
Wir leben über unsere Verhältnisse: den materiellen
Lebensstandard der USA oder Westeuropas oder einiger weniger arabischer,
asiatischer Länder oder Australiens wird unsere Erde nicht allen Menschen
gewähren können.
Vernunftslösungen sind gefragt.
Aber ist die Mehrheit der Menschen für Vernunftslösungen
zu haben?
Bis jetzt sind mir zumeist Lösungen des Stärkeren über
den Schwächeren, nicht unbedingt des Guten über den weniger Guten bekannt
geworden.
Insofern erschien mir in meinem Verständnis der Versuch
einer menschlichen Lösung im Sinne von Marx und Engels und das in
Rußland/Sowjetunion und schließlich bei uns praktizierte Experiment durchaus legitim.
Unsere dogmatischen Auffassungen vom Marxismus, unser
Unvermögen, ökologische Aspekte zu erkennen und unsere berechtigte Furcht,
jederzeit dem Stärkeren erliegen zu können, ließen uns letztlich so weit von
unseren Zielen entfernen, daß wir mit wirtschaftlichem Erfolg nur noch
gemäßigten und konkurrenzunfähigen Kapitalismus praktizierten, nämlich im und
durch den Bereich Kommerzielle Koordinierung.
Das andere funktionierte zunehmend weniger, in einigen
Bereichen erbrachten wir nicht einmal mehr die einfache Reproduktion, wie mir
im Frühjahr 1987 bekannt geworden war.
Aber gab es für uns jemals ein zurück?
Wäre Demokratie, eine Volksabstimmung in der DDR, ob und
wie unser sozialistisches Experiment fortzusetzen wäre, praktikabel gewesen?
Können Sie sich diesbezügliche Ratschläge von der
Feindseite, dem NATO-Staat BRD, vorstellen oder Reaktionen unseres damals
engsten Verbündeten Sowjetunion?
War ein Eingestehen des Mißlingens unseres Versuchs,
eine bessere Gesellschaft als die des Kapitalismus zu gestalten, zu erwarten
von Menschen, die Zeit ihres Lebens für nichts anderes eingestanden haben?
Ich kann mich nicht mit denjenigen der Generation vor
mir vergleichen, die in der Weimarer Zeit und während der Herrschaft der
Faschisten in Deutschland von 1933 bis
1945 sich bereits als Antifaschisten bewiesen haben, aber nachfühlbar ist für
mich ihr nicht vollzogener Rücktritt, nachdem sie erkennen mußten, daß unser
Anliegen nicht so vollzogen werden kann, wie wir's versucht hatten.
Mußten sie nicht damit rechnen, von allen jenen belangt
zu werden, in deren Interessen sie eingegriffen haben?
Angefangen bei Kriegsverbrechern, über Konzerne wie IG
Farben bis zum einzelnen Bürger, der aus dem Grenzgebiet aussiedeln mußte, der
nicht ausreisen konnte oder der seinen Besitz verstaatlicht sah.
Und auch dem Naivsten war klar: wenn es anders kommt,
diktiert der Sieger die Bedingungen.
Wer anderes konnte der Sieger sein als der
"Todfeind Bundesrepublik Deutschland", dessen erster Kanzler uns nach
Gründung der DDR den unmittelbaren Untergang prophezeit hatte?
Es kam zwar insofern besser für uns als möglicherweise
erwartet, denn niemand wurde gelyncht, aber meine Auffassung von Gerechtigkeit
ist in vielen Fragen eine andere als die hier erlebte.
Und der bewußt zu erlebende Kapitalismus in der
Firmierung "sozialer Marktwirtschaft", der Einfachheit halber mehr
und mehr auf Marktwirtschaft verkürzt, erscheint mir eben nicht die Lösung zu
sein, selbst wenn es mir heute persönlich materiell nicht schlechter ergeht als
zu DDR-Zeiten.
Was es für Sie persönlich und alle jene Menschen, die in
Opposition zur DDR oder zu Bereichen unserer gesellschaftlichen Realität
gestanden haben, bedeutet hatte, sich in der Freiheit der Meinungsäußerung
eingeschränkt gefühlt zu haben, kann ich jetzt sehr wohl nachempfinden.
Ich will nicht behaupten, daß es mir gleich ergeht, denn
ich kann mich mündlich ungehindert äußern, ohne ein sonderliches Risiko
einzugehen, ich kann Gedanken auch im "Zwiegespräch" publizieren und
konnte mich sogar im hiesigen Fernsehen (ORB) darstellen.
Aber meine Äußerungen ändern an dieser Welt nichts, sie
haben nämlich kein materielles Gewicht.
Das einzige, was ich bewirken könnte, wäre das Klischee
über uns als MfS-Angehörige etwas zu verwischen, und da gibt es gelegentlich schon sensible Reaktionen.
Aber in der DDR-Gesellschaft, die wesentlich auf
ideologischen Prämissen aufgebaut war, erschien mir das "abweichende
Wort" tatsächlich oft als gefährdend, empfand ich den Zweifel als
destabilisierend.
Die Frage: wie schwach muß eine Gesellschaft sein, die
den Zweifel fürchtet, ist meines Erachtens tatsächlich berechtigt: wir waren
schwach, an unserem Kartenhaus durfte nicht geniest werden.
Ich nehme an, das ist bei jedem Gesellschaftskonzept so,
das auf Glaube, Überzeugung oder ähnlichem beruht.
Das Dogma soll die Verhaltensweisen der Menschen
beherrschen, jedes In-Frage-Stellen des Dogmas oder auch nur einiger seiner
Teile gefährdet die Grundlage eben dieses Systems, die Substanz der
Machtausübung.
Die Alternative ist Demokratie, aber diese beruht auf
dem Einfluß derjenigen, die Verfügungsgewalt über die Wirtschaft, die Medien,
den Staat haben.
Dieser Mechanismus wird sich nach meiner Auffassung
nicht von selbst überwinden.
Aber Menschen zu dem, was wir für Glück hielten, zu
zwingen, hat sich als undurchführbar erwiesen.
Selbst, wenn wir weniger Fehler gemacht hätten, ließe
sich die Mehrheit der Menschheit wohl kaum auf ein Leben fixieren, das ein
Begrenzen von Lebensansprüchen im materiellen Bereich zum Ideal macht.
Und was, wenn ein Teil nicht mitmacht, sondern weiterhin
"schnöden Kapitalismus" praktiziert.
Läßt Toleranz zu, sowohl das eine als auch das andere zu
praktizieren?
Geht es überhaupt gewaltlos?
Wird Vernunft der Mehrheit von Menschen auch nur in
einem Lande dazu führen, zukünftig auf einen Teil der erlangten materiellen
Wohlstandes zu verzichten und überschüssige Produktivkräfte in
geistig-kulturelle Werte zu investieren?
In unseren Ländern halte ich das für ausgeschlossen,
andere kenne ich zu wenig.
Allein die Programmgestaltung des für mich erreichbaren
deutschsprachigen Fernsehens zu den Hauptsendezeiten läßt mich befürchten, daß
ein Bewußtwerden von gesellschaftlichen Problemen für die Masse der Menschen
nicht von Interesse, nicht verkaufbar ist.
Ich hoffe, Sie nicht über Gebühr zu langweilen mit
meinem Geschreibsel.
Da ich jedoch den Eindruck hatte, daß Sie die Denkweise
eines derjenigen, der jahrelang versucht hatte, Ihr "staatlich-politischer
Gegenspieler" zu sein, kennenlernen möchten, habe ich diese Zeilen
notiert.
Unter dem Titel „Es gab für uns kein zurück | Brief an
Dr. Martin Böttger vom 06.11.95“ im Zwie Gespräch 31 veröffentlicht