Einsichten und Aussichten

Pauschal wird allen ehemaligen Mitarbeitern des MfS Uneinsichtigkeit vorgeworfen, mit anderen Worten, sie verweigern Einsichten, um von ihnen begangene Verbrechen nicht eingestehen zu müssen oder sind generell unfähig – wegen ihrer politischen Indoktrination natürlich – solche zu gewinnen. Um sicher zu gehen, was im heutigen Deutschland unter dem Begriff „Einsicht“ zu verstehen ist, habe ich in der Enzyklopädie  bei Wikipedia mit folgendem Ergebnis recherchiert:

 

„...Einsicht bedeutet in der Alltagssprache, Eigenschaften und Beziehungen eines Objektbereiches hinreichend genau erkannt, geistig erfasst und sachlich richtig begriffen zu haben. Als bewusstes Resultat der Kombination von Wahrnehmungen und Überlegungen ist Einsicht dabei das Ergebnis eines analytisch-synthetischen Erkenntnisprozesses... “.

 

Daraus ergibt sich die Frage: „Haben Diejenigen, die ehemaligen Mitarbeitern des MfS Uneinsichtigkeit vorwerfen, jemals versucht,  Einsichten darüber zu erlangen, welche realen Erkenntnisprozesse diese Mitarbeiter durchlebten und noch immer durchleben“?

Als Mitarbeiter des Untersuchungsorgan des MfS habe ich Jahrzehnte unmittelbaren Kontakt zu inhaftierten Spionen westlicher Geheimdienste gehabt, Vernehmungsgespräche persönlich geführt und junge Untersuchungsführer ausgebildet. Auch im operativen Vorfeld hatte ich, in Zusammenarbeit mit der Linie II (Spionageabwehr) und anderen Diensteinheiten der Abwehr des MfS, Aufgaben zu erfüllen. Alle Arten nachrichtendienstlicher Hilfsmittel und andere Beweise sind durch meine Hände gegangen. So war  ich tagtäglich mit gezielten Angriffen gegen gesellschaftliche und ökonomische Bereiche sowie die Sicherheit der DDR konfrontiert. Dadurch wurden meine Einsichten hinsichtlich der Notwendigkeit ihrer Verteidigung systematisch vertieft.  Gleiche Einsichten hatten die Mitarbeiter der Abwehr und auch der Aufklärung des MfS. Sie waren es, die den Hauptanteil an der Aufspürung der Spione hatten, denen die Mitarbeiter des Untersuchungsorgans dann in den Vernehmungen gegenüber gesessen haben. Andere Mitarbeiter des MfS standen an den Fronten der Auseinandersetzung mit – nach kriminellem Gelderwerb strebenden – Menschenhändlern. Obwohl sich diese an den „Brüdern und Schwestern“ aus dem „Osten“ bereicherten, wurden sie – soweit sie in der DDR ins Gefängnis kamen – im nun „geeinten“ Deutschland rehabilitiert und finanziell entschädigt. Menschenhändler, die heute Menschen aus anderen Ländern – wiederum des kriminellem Gelderwerbs wegen – in die Bundesrepublik einschleusen, werden vor Gericht gestellt.  Welche Einsichten sollen ehemalige Mitarbeiter des MfS daraus gewinnen? Doch wohl nur die, dass hier mit ungleichem Maß gemessen wird. Was in Deutschland heute rechtens ist, soll in dem  UNO-Mitgliedsstaat DDR Unrecht gewesen sein?!

Hinter allen Fronten der Auseinandersetzung standen aber auch Mitarbeiter des MfS im Einsatz, ohne deren Hilfe ein Erfolg nicht möglich gewesen wäre. Dies waren die Mitarbeiter, welche Aufgaben der Beobachtung, der Postkontrolle, im Rahmen von Lauschangriffen oder der wissenschaftlichen Kriminalistik zu erfüllen hatten. Sie waren Spezialisten, wie sie heute selbst in Kriminalserien in den Medien als unverzichtbar dargestellt werden. Ihre Einsichten widerspiegeln wahrscheinlich die Ergebnisse aus Vergleichen, um wie viel sie besser oder schlechter waren als ihre Konkurrenten. In Verbindung mit ihrer Tätigkeit können sie objektiv keine Schuldeinsichten gewinnen. Nicht zu vergessen jene ehemaligen Mitarbeiter, welche mit der operativen Tätigkeit des MfS nicht direkt in Zusammenhang zu bringen sind.

Geheimdienste und die von diesen beauftragten Spione nahmen keine Rücksicht auf reguläre Dienstzeiten des MfS. Überstunden und Einsätze an Sonn- und Feiertagen waren die Regel für alle Mitarbeiter des MfS. Familie und Freizeit stand immer hinten an. Unsere Kinder und deren Kinder würden es eines Tages leichter haben und in einer gerechten Gesellschaft leben, war die  ehrliche Überzeugung und Motivation für den Einsatz, nicht politisch verordnete Einsicht in die Notwendigkeit.

Woher aber rührte die Einsicht, dass es lohnenswert sei, für die Sicherheit der DDR all dies auf sich zu nehmen? Nicht nur bei Mitarbeitern des MfS entwickelte sich eine positive Haltung zum Staat DDR. In Verbindung mit den täglichen Erfahrungen aus ihrer Tätigkeit resultierte diese, nicht zuletzt, aus den sozialen Lebensverhältnissen in der DDR, wie: Kostenlose Vollzeitbetreuung der Kinder in Kinderkrippen, Kindergärten und  Schule; überwiegend kostenlose Lehrmaterialien; stabile, niedrige Preise für Grundnahrungsmittel, Wohnungsmieten und Energie; kostenlose medizinische Betreuung für Alle und keine Zuzahlung für Medikamente. Arbeitslosigkeit, soziale Unsicherheit und Zukunftsangst waren in der DDR Fremdwörter.

Was dies alles für  das Lebensgefühl der DDR-Bürger bedeutete, kann niemand nachfühlen, der es nicht selbst erlebt hat. Deshalb fehlt den Altbundesbürgern auch heute die Einsicht und das Verständnis dafür, dass selbst noch die Kinder ehemaliger DDR-Bürger nicht so schlecht über das Land ihrer Eltern denken, wie die Verleumder  es gerne hätten. Wie kommt das, wo doch in den Medien alles dafür getan wird, die DDR als unmenschlichen Unrechtsstaat darzustellen, in dem es nur Spitzel und Bespitzelte gab.

Die Ansichten der jungen Ostdeutschen beruhen auf den realen Erlebnissen, Wahrnehmungen und Erfahrungen, die ihre Eltern in der DDR gemacht haben und dem Vergleich mit den heutigen, als freiheitlich-demokratisch bezeichneten, aber eben kapitalistischen Verhältnissen.  Es ist ein unschätzbarer - und für die heutigen Machthaber gefährlicher - Vorteil ehemaliger DDR- Bürger beide Gesellschaftssysteme real erlebt zu haben. Denn der Vergleich  führt offenbar nicht nur vereinzelt zu der Einsicht, dass in der DDR bei weitem nicht alles schlecht und manches sogar besser war. Wen wundert es, dass diese Einsicht bei vielen erst jetzt kommt, wo am eigenen Leib spürbar wird, was „am goldenen Westen“ wirklich dran ist und was man an der DDR hatte?

Aber schon geht ein Aufschrei durchs Land, man müsse das „verklärte DDR-Bild“ der Schüler in Ostdeutschland im Geschichtsunterricht gerade rücken! Welch Überheblichkeit und Ignoranz, ehemaligen DDR-Bürgern ihre ureigensten Erfahrungen absprechen  und  die daraus gewonnenen Einsichten anzweifeln zu wollen.  Wer maßt sich an, besser über die DDR Bescheid zu wissen, als die, die in ihr gelebt haben?  Was den Meinungsmachern dazu einfällt ist, die Schulklassen zu verpflichten, Hubertus Knabes Gruselkabinett in Hohenschönhausen zu besichtigen. Lüge und Verleumdung aber kann fehlende Zukunftsaussichten nicht ersetzen.

Die  Ereignisse des Jahres 1989 stellten alle bisherigen Einsichten und daraus resultierende Aussichten auf den Kopf.  Es begann die Zeit der Wendehälse, selbst ehemals stramme Parteigänger der SED, allen voran das Politbüro-Mitglied Günter Schabowski, sprangen auf die Seite der Sieger und beschmutzten die Menschen, die ihnen Vertrauen geschenkt und Hoffnung in sie gesetzt hatten. Am Ende standen Staatsanwälte, Richter, Grenzer und pauschal alle Mitarbeiter des MfS am Pranger. Aber auch andere DDR-Bürger, die ihre positiven Lebenserfahrungen aus  DDR-Zeiten nicht verleugneten und ihre politischen Überzeugungen nicht über Bord warfen, gelten zunehmend als uneinsichtig. Noch zögert man, das MfS als verbrecherische Organisation zu klassifizieren, wie lange noch, muss man sich bei der zunehmenden antikommunistischen Hysterie fragen? Die ehemaligen Mitarbeiter dieses Ministeriums werden ohnehin wie Verbrecher behandelt. Schlimmer noch, jeder gerichtlich verurteilte Kriminelle kann nach Verbüßung seiner Strafe in die Gesellschaft zurückkehren. Ehemalige Mitarbeiter des MfS werden ohne Gerichtsurteil lebenslänglich gebrandmarkt, ausgegrenzt und benachteiligt.  Ihnen wird mangelnde Bereitschaft vorgeworfen, sich für die von ihnen angeblich begangenen Verbrechen zu entschuldigen. Schuld aber ist, amtlich verkündet durch die Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Roman Herzog – letzterer war sogar Präsident des Bundesverfassungsgerichtes und muss es sicher wissen – nicht kollektiv sondern persönlich. Worin also besteht meine und die persönliche Schuld anderer Mitarbeiter des MfS? Trotz jahrelanger, intensiver Ermittlungen und zahlreicher Verfahren gegen ehemalige Mitarbeiter des MfS  konnte die deutsche Siegerjustiz hierzu weder rechtlich relevante Fakten aufdecken, noch Einsichten dazu vermitteln.

In alternativen Geschichtsforen werden Stimmen laut, welche Spionage generell als verwerflich charakterisieren und die Abschaffung von Geheimdiensten fordern. Bemerkenswert, dass es sich meist um nachrichtendienstliche Profis in ehemals führenden Positionen handelt, wie z.B. den ehemaligen Chef des Militärischen Abschirmdienstes der Bundesrepublik, Elmar Schmähling. Eine Einsicht, der man sich durchaus anschließen könnte. Gelänge dies, so würde auch die Spionageabwehr mit ihren die Menschenrechte ebenfalls einschränkenden Mitteln und Methoden überflüssig. Leider stellt keiner der Befürworter in Aussicht, auf welchem Wege dies zu bewerkstelligen sein könnte. Spionage und Spionageabwehr lassen sich historisch bis 2850 Jahre vor Christus zurück verfolgen (in die Zeit des Pharao Menes, auch Narmer genannt) und wachsen gegenwärtig – unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung – über alle bisher bekannten Umfänge hinaus. Erst die Einsicht, dass es sich um Entwicklungen und Erscheinungen in Gesellschaften handelt, die nach Klassen strukturiert sind und in denen es um die Machterhaltung der Reichen geht, ermöglicht Aussichten, wann und unter welchen Bedingungen Spionage und Spionageabwehr, also Geheimdienste,  verzichtbar sein werden. Für die kriminalisierten und ausgegrenzten ehemaligen Mitarbeiter des MfS sind solche Diskussionen also auch kein Lichtblick. Ihre Aussichten ergeben sich aus der Einsicht, in dieser Gesellschaft weder heute noch in der ihnen verbleibenden Lebenszeit eine Chance zu erhalten. Was ihnen bleibt ist, beharrlich, sachlich und objektiv Zeugnis über ihre Vergangenheit für künftige Generationen abzulegen und ihr eigenes Selbstwertgefühl zu bewahren. Es ist insbesondere ihr detailliertes Sachwissen, welches dazu beitragen kann, ein realistisches Geschichtsbild über das MfS zu vermitteln und geeignet ist, Lügner zu entlarven. Darüber hinaus sind es die in den Archiven der Birthler-Behörde befindlichen Unterlagen des MfS, die ehemalige Mitarbeiter des MfS persönlich nicht zu fürchten haben. Wohl aber diejenigen, welche bemüht sind, dem Zeitgeist Gefälligkeiten zu erweisen oder ihr eigenes Image durch Verdrehung von Tatsachen aufzupolieren. Die Zeit wird kommen, in der bloße Behauptungen und Verleumdungen  einem Vergleich mit den Erlebnisberichten und Erfahrungen ehemaliger MfS-Mitarbeiter und den Unterlagen, die sich heute noch in der Verfügungsgewalt der Birthler-Behörde befinden, unterzogen werden. Schlechte Aussichten für Demagogen.